Die Seherin von Garmisch
den Plektrumssplitter als
solchen identifiziert hatte, meldete sich zu Wort. »Dazu möchte ich noch was
sagen. Ich finde das komisch, dass das da lag. Wenn mir ein Plektrum abbricht,
heb ich den Rest nicht auf. Der bleibt liegen, wo er hingefallen ist. Den
müsste man ja auch richtig suchen. Macht kein Mensch. Zumindest kein Gitarrist.
Und wenn ich vielleicht doch mal eins aufhebe, dann schmeiß ich das nicht in
den Wald.«
Er erntete nachdenkliches Schweigen.
Es war Kriminaloberwachtmeisterin Zettel, die es auf
den Punkt brachte. »Dass die Haare von der Band am Tatort sind – beweist das
eigentlich irgendwas? Könnte der Täter sie nicht dort verstreut haben, um eine
falsche Fährte zu legen?«
»Haare, Haschkrümel, Plektrumssplitter. Das klingt,
als hätte wer in dem Proberaum staubgesaugt und dann den Beutelinhalt in den
Wald gekippt«, ergänzte Schröpfer.
»Und den Proberaum angezündet, um den Einbruch zu
kaschieren«, schloss Zettel.
Schwemmer nickte bedächtig. »Klingt nicht schlecht.
Wäre möglich. Muss aber natürlich nicht.«
»Mehr dazu?« Schafmann sah auffordernd ins Rund.
Ein verhuschter Mann von Mitte dreißig, der genauso
aussah, wie Schwemmer sich einen Datenfex vorstellte, hob zögernd die Hand.
»Ich wollt noch was zu dem USB -Stick sagen.« Seine Stimme war leise, kaum zu verstehen.
»Also, ich hab da was gefunden.« Er hüstelte. »Ein Kollege vom LKA hat mich drauf gebracht, obwohl,
eigentlich hat ein Kollege aus Israel den vom LKA drauf gebracht, dass, wenn man die Daten statt mit dem Algorithmus der
Originalsoftware mit dem modifizierten Quellcode eines …«
»Jochen«, unterbrach Dräger ihn. »Zur Sache,
Schätzchen. Was willst du uns mitteilen?«
»Ach so … ja …« Jochen lachte verlegen. »Ich wollte
sagen, wir können ihn knacken, den Code. Dauert aber.«
»Dauert wie lang?«, fragte Schwemmer.
Ihm fiel auf, dass Bredemaier, der wie gestern mit
ausgestreckten Beinen abseits auf einem Stuhl am Fenster hing, die Augen
geöffnet hatte.
»Wenn ich das hier mit meinen Rechnern mache …« Jochen
sah unsicher zur Seite.
»Wie lang?«, wiederholte Schwemmer.
»Sechs Monate«, sagte Jochen, der Datenfex.
Durch den Raum ging ein enttäuschtes Seufzen.
»Es geht auch schneller. Aber dann muss mir jemand
externe Rechnerleistung besorgen …«
»Das hilft uns also momentan nicht weiter«, sagte
Schafmann. »Aber wir behalten das bitte im Hinterkopf, vielleicht müssen wir
darauf zurückkommen.«
Bredemaier hatte die Augen wieder geschlossen.
»Nächster Punkt«, sagte Schafmann. »Der Mieter der
Wohnung in Burgrain heißt Slovomir Bretcnik, Slowake. Ist seit vier Wochen auf
Montage in Vevey in der Schweiz. Wir konnten mit ihm telefonieren. Nach seiner
Aussage hat er die Wohnung seinem Vetter Petr Bretcnik überlassen, für die Zeit
seiner Abwesenheit. Petr Bretcnik wurde am 24.12.1993 in Bratislava geboren,
ist ein Meter fünfundsechzig groß, fünfundfünfzig Kilo, hat braune Augen und
dunkelblondes Haar. Jugendstrafe in der Slowakei wegen Drogenbesitzes. Foto von
der Polizei in Bratislava ist avisiert. Bis dahin haben wir eine
Phantomzeichnung nach den Angaben von Severin Kindel. Petr Bretcnik ist
Exjunkie, nach Auskunft seines Vetters aber seit Längerem clean. Hat eine Zeit
lang auf den Straßenstrichs hinter der deutsch-tschechischen Grenze
angeschafft. Zu dem Toten: Der Mann ist jetzt offiziell identifiziert als Luc
Deloitte. Vielen Dank für den Tipp an den Kollegen Bredemaier.«
Alle drehten sich zu Bredemaier um, der nickte gnädig
lächelnd ins Rund.
»Die Kugeln, mit denen er erschossen wurde …«
Schafmann zögerte und sah Schwemmer an.
»… stammen aus meiner Dienstwaffe, die ich am Abend
des ersten Mordes am Reschberg verloren habe«, beendete Schwemmer den Satz.
Diesmal war das Schweigen eher betreten als
nachdenklich.
»Wahrscheinlich erscheint momentan«, fuhr Schafmann
fort, »dass Petr Bretcnik ebenfalls dort war und sie gefunden hat. Das macht
unwahrscheinlich, dass er der Motorradfahrer war. Man kann vermuten, dass er zu
Fuß oder mit dem Fahrrad dort oben war. Deloitte hat ihn in seiner Wohnung
aufgesucht, dort kam es zum Schusswechsel. Leider können wir nicht mehr
feststellen, ob an dem Schloss manipuliert wurde, nachdem die Herren vom SEK da angeklopft haben. Ein Busfahrer
der Linie 3 hat ausgesagt, ein junger Mann, auf den die Beschreibung passt und
den er für gehbehindert hielt, sei gestern am frühen Morgen in Burgrain in
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