Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
»Wüsste ich auch gerne.«
Sie nahm Ellis’ schweres Haar in eine Hand und griff mit der anderen nach einer Schere. »Herrschaften noch mal, Ellis«, stöhnte sie. »Du trägst jetzt seit der sechsten Klasse einen Mittelscheitel und schulterlanges Haar. Das ist vielleicht mal langweilig.«
Alarmiert schaute Ellis auf. »Lass mich bloß in Ruhe mit meinem Haar. Es bleibt, wie es ist. Daran wird nichts verändert!«
Dorie und Julia tauschten einen Blick aus.
»Elly-Belly«, sagte Dorie flehend. »Vertraust du uns nicht?«
»Nein«, erwiderte Ellis fest und nahm Julia die Schere aus der Hand. »Ich trage dieses Korsett-Teil. Ich ziehe auch den Rock an. Ich ziehe sogar diesen furchtbaren rosa Push-up an, der auch noch kneift. Aber das Haar lasse ich mir nicht von ihr schneiden. Auf gar keinen Fall.«
»Schon gut«, sagte Julia, doch ihr Gesichtsausdruck ließ deutlich erkennen, dass es alles andere als gut war. »Ich tue, was ich kann. Aber lass es mich wenigstens hochstecken, ja?«
»Es wird nichts geschnitten«, quetschte Ellis zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Weichei«, murmelte Julia.
»Zicke«, entgegnete Ellis. Aber sie grinste. Und als Julia ihr das Haar im Nacken zusammenfasste, zu einem Strang drehte und ihn dann gekonnt feststeckte, blinzelte sie. Mit dieser Frisur und der Schminke sah sie völlig anders aus. Wie sie selbst, nur hübscher.
Vorsichtig klopfte es an Julias Zimmertür. Die drei drehten sich um, und Madison schaute herein. Ihr Gesicht mit dem Pflaster auf der Wange war blass, und auf ihrem Ellenbogen prangte bereits ein hässlicher Bluterguss.
»Wow«, sagte sie. »Ellis, du siehst toll aus.«
»Siehst du?«, riefen Julia und Dorie im Chor.
»Hey, Dorie«, sagte Madison. »Ich will dich nicht stören, ich wollte nur fragen, ob ich mir noch ein bisschen Ibuprofen von dir leihen kann. Mein Knöchel fängt an zu pochen.«
»Du Arme!« Dorie erhob sich vom Bett. »Das ist in meinem Zimmer. Ich hol es eben.« Als sie in der Tür an Madison vorbeiging, bückte sie sich, um ihren Knöchel genauer zu inspizieren. »Der ist jetzt richtig geschwollen«, erklärte sie. »Ich habe einen Stretchverband in meinem Erste-Hilfe-Koffer. Den bring ich auch mit.« Dorie wies auf Julias Bett. »Setz dich hin!«, befahl sie.
»Ach nein«, zögerte Madison.
»Setz dich!«, wiederholte Ellis.
Auf der Kante von Julias Bett fühlte sich Madison sichtlich unwohl. Sie sah sich um, dann schaute sie Ellis an. »Besonderer Anlass?«, fragte sie.
Ellis errötete. »Nur eine Verabredung zum Essen. Aber Julia und Dorie meinten, ich müsste mich total aufbrezeln.«
Zögernd nickte Madison Julia zu. »Super gemacht.«
»Danke.« Julia nahm das Kompliment nur widerwillig an.
Ellis warf einen Blick auf die Uhr von Julias Nachttisch. »Also, sind wir fertig? Denn er holt mich in gut zehn Minuten ab.«
»Was ist mit deinen Schuhen?«, fragte Julia.
»Ich hab nicht so viele Paare dabei«, sagte Ellis. »Hauptsächlich Flipflops und Tennisschuhe. Die einzigen, die überhaupt hierzu passen, sind meine schwarzen Ballerinas.«
»Auf gar keinen Fall«, sagte Julia schnell. Sie wollte wieder an ihren Wandschrank, hielt aber inne und runzelte die Stirn. »Nützt nichts. Ich hab riesengroße Füße. Schuhgröße 42, und du hast noch mal was? 38?«
»39«, sagte Ellis. »Die Ballerinas gehen schon.«
»Ballerinas?«, wiederholte Dorie, die mit einem Pillenfläschchen und dem Erste-Hilfe-Koffer zurückkam. »Zu dem Rock brauchst du Riemchensandalen mit Absatz. Ich hab welche dabei. Kannst du dich in meine 37 quetschen?«
»Nicht, wenn ich damit noch laufen will«, sagte Ellis trocken. »Leute, es ist schon gut. Ist doch nur ein Paar Schuhe.«
»Es ist nie nur ein Paar Schuhe.«
Alle drei drehten sich zu Madison um. Sie stand auf und humpelte aus dem Zimmer. »Wartet! Bin gleich wieder da.«
»Wo willst du hin?«, rief Dorie. »Es wäre besser, wenn du so lange wartest, bis ich dir den Verband angelegt …«
Aber Madison eilte bereits durch den Flur zur Treppe.
Zwei Minuten später war sie wieder da, in der Hand ein Paar ultramoderner High-Heels: Mehrere grob gerippte schwarze Riemchen, dazu sieben Zentimeter hohe Absätze. Die Sohlen waren in einem kühnen Rot.
»Perfekt!«, sagte Dorie und klatschte vor Freude in die Hände.
»Christian Louboutin?«, fragte Julia und hob eine Augenbraue. »Du hast Schuhe von Louboutin mit an den Strand genommen?«
Madison reichte Ellis die High Heels und ließ
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