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Die sterblich Verliebten

Die sterblich Verliebten

Titel: Die sterblich Verliebten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Javier Marías
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zu den eben Genannten, die Arbeit der Soldaten nicht selbst erledigen, aber darauf kommt es nicht an. In all diesen Fällen ist eine gewaltige Autosuggestion am Werk, dafür sorgt die Indirektheit, die Distanz zum Geschehen, das Vorrecht, ihm nicht beiwohnen zu müssen. So unglaublich es sein mag, aber so läuft es, ich habe es selbst erlebt. Man ist am Ende überzeugt, dass man nichts mit dem zu tun hat, was in der schäbigen Wirklichkeit oder im Kampf Mann gegen Mann passiert, auch wenn man alles geplant, angestoßen und dafür bezahlt hat, dass es geschieht. Der Geschiedene redet sich am Ende ein, dass nicht er knauserig und erbittert ist, sondern sein Anwalt. Schauspieler und berühmte Schriftsteller, Toreros und Boxer entschuldigen sich für die Forderungen ihrer Agenten oder für die Steine, die sie in den Weg legen, als gehorchten die nicht ihren Befehlen, arbeiteten nicht auf ihre Anordnung. Der Politiker sieht im Fernsehen oder in der Presse das Ergebnis der Luftangriffe, die er befohlen hat, oder erfährt von den Gräueltaten, die seine Armee vor Ort begeht; er schüttelt missbilligend und angewidert den Kopf, fragt sich, wie seine Generäle nur so brutal oder ungeschickt sein können, wie es nur möglich ist, dass sie ihre Männer nicht im Griff haben, sobald der Kampf beginnt und sie kein Auge mehr auf alle haben können, aber nie sieht er sich als Schuldigen an dem, was tausende Kilometer entfernt geschieht und ohne dass er daran teilhätte oder Zeuge wäre: Sofort hat er verdrängen können, dass alles von ihm abhing, dass er den Befehl ›Vorwärts‹ gab. Ebenso der Kapo, der seine Schläger losgelassen hat: Er liest oder wird davon unterrichtet, dass sie zu weit gegangen sind, sich nicht darauf beschränkt haben, seinen Anweisungen gemäß eine Handvoll Leute zu beseitigen, sondern ihnen auch noch Kopf und Hoden abgeschnitten und Letztere in den Mund gesteckt haben; die Vorstellung schaudert ihn einen Moment, er denkt, was seine Schläger doch für Sadisten sind, und erinnert sich nicht mehr daran, dass er ihrer Phantasie und ihren Händen freien Lauf ließ und gesagt hatte: ›Dass es allen schön kalt den Rücken runterläuft. Ihnen eine Lehre ist. Dass Panik entsteht.‹«
    Díaz-Varela hielt inne, als hätte ihn die Aufzählung kurzzeitig erschöpft. Er goss sich noch ein Glas ein, trank einen kräftigen Schluck, war durstig. Steckte sich noch eine Zigarette an. Abwesend schaute er zu Boden. Einige Sekunden lang sah ich das Bild eines mutlosen, niedergeschlagenen Mannes vor mir, voller Gewissensbisse vielleicht, vielleicht voll Reue. Aber davon hatte sich bisher noch nichts gezeigt, weder in seinem Bericht noch in seinen Erörterungen. Eher im Gegenteil. Weshalb bringt er sich mit solchen Subjekten in Verbindung?, dachte ich. Weshalb erinnert er mich an sie, anstatt sie von sich zu weisen? Was gewinnt er dadurch, dass ich seine Tat in diesem abscheulichen Licht sehe? Immer findet sich eins, das auch das hässlichste Verbrechen verschönert und minimal rechtfertigt, ein nicht ganz unheilvolles Motiv, so dass es sich wenigstens ohne Abscheu begreifen lässt. ›So läuft es, ich habe es selbst erlebt‹, hat er gesagt und sich ebenfalls in die Liste eingetragen. Man begreift es im Fall der Geschiedenen und der Toreros, nicht in dem der zynischen Politiker und der Berufsverbrecher. Als suchte er keine mildernden Umstände, sondern wollte mir mitunter noch größere Schauer über den Rücken jagen. Vielleicht will er mich empfänglich dafür machen, dass ich mich an jedwede Entschuldigung klammere, die noch kommen wird, und früher oder später wird sie kommen, er kann mir nicht einfach so seinen Egoismus, seine Gemeinheit, seinen Verrat und seine Skrupellosigkeit gestehen, er beruft sich nicht einmal explizit auf sein Verliebtsein in Luisa, auf sein leidenschaftliches Verlangen nach ihr, er hat sich nicht zu lächerlichen Sätzen herabgewürdigt, sosehr sie manchmal rühren und erweichen, wie etwa: ›Ich kann ohne sie nicht leben, verstehst du? Ich hielt es nicht mehr aus, ich brauche sie wie die Luft zum Atmen, erstickte vorher ohne jede Hoffnung, jetzt dagegen habe ich eine. Ich wünschte Miguel nichts Böses, im Gegenteil, er war mein bester Freund; aber er stand zwischen mir und meinem einzigen Leben, der Einzigen, die ich liebe, ein Riesenunglück, denn was uns am Leben hindert, muss man beiseiteschaffen.‹ Ist man verliebt, werden einem Maßlosigkeiten zugestanden, nicht immer natürlich,

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