Die Tiefe einer Seele
Krankheit nicht nur Menschen befällt, die wie Du ein Kind verloren haben, die an Krebs erkrankt sind, drogensüchtig sind oder denen vielleicht ein Buckel wächst? Es trifft auch die, die allen Grund hätten, jeden Tag dem Herrgott auf Knien zu danken für ein tolles Leben, das sie führen dürfen, die körperlich gesund und ohne sichtbare Probleme sind.«
»Das habe ich sehr wohl verstanden, liebste Erin. Nur frage ich mich, warum sie in Deutschland, als sie noch glaubte, ich hätte sie schäbig abserviert, wesentlich besser drauf war, als jetzt, wo ich bei ihr bin. Sie weiß doch, was ich für sie empfinde.«
Erin rieb sich ihren schmerzenden Nacken und nahm sich fest vor, nach diesem Gespräch hemmungslos eine Tafel feinster Vollmilchschokolade zu vertilgen. Das alles hier zerrte auch an ihr, und sie brauchte dringend ein wenig Nervennahrung.
»Ich habe keine Ahnung, James. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Antidepressiva wieder abgesetzt hat, wobei das eher ungewöhnlich wäre, dass dies Probleme bereitet, sie hatte die Mittelchen ja erst seit ein paar Tagen genommen. Was anderes ist es, wenn man das über Jahre macht und dann plötzlich aufhört, das kann einen schon von den Socken hauen. Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet, das habe ich Dir gesagt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das mit Euch so unvermutet für Amy kam, dass das, was sie für Dich empfindet, sie einfach durcheinanderbringt, sie erschlägt, verstehst Du, was ich meine?«
James dachte einen Moment nach. »Ja, gut, das kann sein. Ich bin ja selbst völlig durch den Wind wegen Amy, und ich bin schließlich gesund.«
»Na ja, da könnte man durchaus auch anderer Ansicht sein.«
»Halt den Mund, Erin, sag mir lieber, was ich tun kann.«
»Was denn jetzt, Mund halten oder beraten?«
»Erin!«
»Jaaaaaaaaa, ist ja gut. Mmm, mir fällt da was ein, passt vielleicht nicht so ganz, aber es könnte ein Ansatz sein. Weißt Du, ich habe eine Bekannte, die hatte eine Zeitlang echte Probleme, also körperliche. Sie fiel ständig um, klagte über starke Magenschmerzen, manchmal tat ihr auch der Rücken weh, es ging ihr wirklich richtig dreckig. Sie lief von Pontius nach Pilatus, aber kein Arzt konnte ihr sagen, was mit ihr los war. Und wie es so ist mit meiner Zunft, wenn sie nicht mehr weiter weiß mit ihrem Latein, dann liegt es stets an der Psyche. Genau das wurde meiner Bekannten gesagt. Zunächst sträubte sie sich dagegen, weil sie immer ein sehr starker und selbstbewusster Mensch gewesen war. Sie mochte sich einfach nicht vorstellen, dass sie in der Hinsicht ein Problem haben könnte, trotzdem nahm sie das ernst und sie beschloss, aktiv zu werden. Ihr Patentrezept hieß Ablenkung. Und sie machte etwas, was sie sich schon lange vorgenommen hatte, sie stieg auf einen Berg. Also jetzt nicht sofort, es brauchte ein bisschen Vorbereitung, aber genau das, so sagt sie heute, hat sie wohlmöglich gerettet. Sie steckte ihre ganze Energie in die Planung und die Durchführung ihres Vorhabens und siehe da, schon bald war sie frei von allen Beschwerden. Meine Kollegen sahen sich dadurch in ihrer Annahme bestätigt, dumm nur, dass dann doch irgendwann ihr eigentliches Problem diagnostiziert wurde. Ein Magengeschwür. Das wurde operiert und gut war es.«
»Und was genau willst Du mir jetzt damit sagen, Erin? Soll ich Amy auf einen Berg schleppen oder wie? Oder sie auf ein Magengeschwür hin untersuchen lassen?«
»Haha, sehr witzig! Nein, was ich meine, ist, dass Du versuchen solltest, sie aus dieser Situation heraus zu holen. Du musst sie dazu bringen, dass sie wieder mit Dir redet. Dass sie nicht nur daran denkt, wie schlecht es ihr geht. Sie muss aufhören zu weinen und zu grübeln. Erst wenn sie sich wieder für ein Gespräch öffnet, wird es eine Chance geben, hier weiterzukommen.«
»Tolle Idee, Erin! Was meinst Du, was ich in den letzten fünf Tagen gemacht habe? Als ob ich mich damit zufriedengeben würde, der Frau, die ich liebe, dabei zuzusehen, wie sie sich selbst zugrunde richtet. Bei Gott, ich habe alles versucht, sie zum Reden zu bringen. Und habe es nicht geschafft. Ich komme einfach nicht an sie heran.«
»Du darfst nicht aufgeben, James! Versuche es immer wieder, einen anderen Rat habe ich nicht für Dich.«
Die Worte seiner Schwester hallten noch nach in James, als Erin schon längst das Kaminzimmer verlassen hatte. Er sollte Amy also ablenken. Aber wie zum Teufel sollte er das bewerkstelligen, wo sie sich im
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