Die Tiefe einer Seele
der grenzenlosen Freiheit.
Kapitel 36
28. Mai 2013 – Hyannis Port
James erwachte aus einem tiefen und traumlosen Schlaf. Es war die erste Nacht, seit er mit Amelie und Erin aus Deutschland zurückgekehrt war, die er in seinem Bett in seinem Zimmer verbracht hatte. All die anderen zuvor hatte er im Sessel neben Amys Bett in ihrem Zimmer gehockt, völlig verunsichert von ihrem radikalen Stimmungsumschwung und beinahe panisch vor Angst, was das wohlmöglich bedeuten könnte. An eine erholsame Nachtruhe war da kaum zu denken gewesen, so war es nicht weiter verwunderlich, dass er selbst auch schon nahezu auf dem Zahnfleisch gegangen war. Der gestrige Tag hatte ihm neue Hoffnung gegeben. Nach dem denkwürdigen Ausritt mit Black Devil, war Amelie fast zur alten Stärke aufgelaufen. Vor allem, was ihre Essgewohnheiten betraf. Mrs. Henderson, die langjährige Wirtschafterin der Prescotts auf Cape Cod, konnte mit dem Backen ihrer leckeren Pfannkuchen gar nicht nach nachkommen, so schnell, wie sie in Amys hungriges Mäulchen verschwanden.
Danach hatte sie selber vorgeschlagen, ein wenig zu arbeiten. »Von alleine wird der Reiseführer schließlich nicht fertig«, hatte sie gemeint. James war zunächst nicht so begeistert von dieser Idee, denn Hitler und seine verbrecherischen Schergen eigneten sich seiner Meinung nach absolut nicht dafür, um Amy ihr Lächeln wiederzugeben. Dann aber dachte er an die Ratschläge, die ihm Erin und sein Vater gegeben hatten. Ablenken müsse er sie. Und weil er wusste, wie sehr Amelie in der Thematik aufging, ahnte er auch, dass es keine bessere Zerstreuung für sie geben konnte. Darum hatte er nachgegeben. Diesmal ging es um die alte Reichskanzlei mit dem darunterliegenden Führerbunker in Berlin. Das war in den letzten Tagen des Krieges das Machtzentrum Deutschlands gewesen, gleichzeitig war es die Endstation für Hitler und einiger seiner engsten Getreuen. Es würde eine Herausforderung sein, das, was damals dort geschehen war, dem interessierten Reisenden nahe zu bringen. Es war nämlich weder von der alten Reichskanzlei noch von dem unterirdischen Bunker etwas übrig geblieben, nur einige wenige Gedenktafeln kennzeichnete diese Stätten. James hatte natürlich von den Tagen im Führerbunker gelesen, was völlig anderes war es, das aus Amy Mund zu vernehmen. Sie bezog sich bei ihren Erzählungen auf die Erinnerungen von Traudl Junge, der ehemaligen Sekretärin Hitlers. James hatte sich sofort den Titel ihres Buches notiert, doch brauchte er es im Grunde genommen gar nicht mehr zu lesen, seine kleine Geschichtskoryphäe konnte den Inhalt eins zu eins wiedergeben. Fasziniert hatte er zugehört, als Amelie davon berichtete, dass es Hitler in diesen Apriltagen 1945 wohl dämmerte, dass sein »tausendjähriges« Reich nach nur zwölf Jahren ein schmähliches Ende finden würde. Wo er doch vorher vehement die ausweglose Situation Deutschlands abgestritten hatte. Und wie er sich dann entschlossen hatte, eine letzte große Inszenierung für die Nachwelt zu hinterlassen. Indem er Eva Braun heirate, Zyankali-Kapseln an seine engsten Vertrauten verteilte, er dem Selbstmord seiner Frau tatenlos zusah und schlussendlich sich selbst richtete.
Die Darbietung eines Feiglings, diese Meinung tat Amelie unumwunden kund, und James konnte ihr nur beipflichten. Sie erzählte weiter. Dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau ihrem selbsternannten »Messias« in den Tod gefolgt waren, nachdem Magda Goebbels zuvor ihre sechs Kinder mit Gift getötet hatte. Weil sie ihnen eine Welt ohne Hitler und den Nationalsozialismus nicht hatte zumuten wollen. James hatte in diesen Moment den Atem angehalten, denn das Schicksal dieser Jungen und Mädchen ging ihm verständlicherweise sehr nah, Amelie hingegen schien es geradezu aufzufressen. In ihren Augen lag so viel Schmerz, so viel Trauer um diese kleinen Menschen, dass er fürchtete, sie würde unter der Last zusammenbrechen. Doch sie fing sich wieder. Hatte tief durchgeatmet und auf den Laptop gezeigt. Wann er denn endlich mal anfangen wollte, etwas aufzuschreiben, hatte sie lächelnd gemeint, und tatsächlich hatte James es in Angriff genommen. Zwei Stunden später war das Kapitel zum Führerbunker fertig. Ein aufwühlender Text, den er ohne Amelies Zutun nie zustande bekommen hätte.
Nachdem dem Abendessen, zu dem auch Erin dazukam, hatten sie sich noch einen Film angeschaut, der ebenfalls diese letzten Tage Hitlers behandelte. »Der
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