Die Tiefe einer Seele
Sohn mit erhobenem Zeigefinger spielerisch tadelte. Der Rest der Prescotts ahnte hingegen immer noch nicht, worum es hier jetzt genau ging. War letztendlich aber auch egal, denn nur Sekunden später war alle Anspannung gewichen, und die Familie schlenderte fröhlich plaudernd mit ihrem Gast in ihrer Mitte zum Haus hinüber. Obwohl es schon beinahe an Frevel grenzte, diese wunderschöne Stadtvilla im Empire-Stil nur als »Haus« zu bezeichnen. William Nicolas Prescott, der Gründer des Familienunternehmens, hatte die Villa erbaut, in der er und die ihm nachfolgenden Generationen großes Glück erfahren durften. Das Haus war luxuriös, das sah Amelie sofort, als sie es betrat, doch was für sie mehr zählte, war die Tatsache, dass es mit viel Liebe eingerichtet worden war. Sie fühlte sich augenblicklich wohl hier, was sicher auch daran lag, dass die Prescotts sie so warmherzig aufgenommen hatten.
»Ihr Lieben, Ihr wollt bestimmt erst Eure Taschen nach oben bringen, nicht?«, meinte Silvia Prescott. »Ich habe Euch in James altem Zimmer untergebracht.«
»Äääh Mom!«, erwiderte ihr jüngster Sohn hastig. »Wir brauchen ein eigenes Zimmer für Amelie.«
»Haha, guter Witz, mein Junge«, lachte Silvia auf. »Du glaubst wohl, Deine Mutter wäre von gestern oder was? Ich mache mir doch nicht die Arbeit und beziehe zwei Betten, nur damit Du in der Nacht über den Flur zu Deinem Schatz schleichst. Kommt gar nicht in Frage. Du kannst Dich lockermachen, Dein Vater und ich haben absolut kein Problem damit, dass Ihr in einem Bett schlaft.«
James sah aus wie ein begossener Pudel, aber er wagte nicht, noch weiter zu widersprechen. Amelie musste sich ein Lachen verdrücken, ebenso Erin, die sich leicht zu ihr hinüberbeugte. »Na, wie habe ich das hinbekommen?«, fragte sie leise, worauf Amelie dann doch ein Kichern entfleuchte. War ja klar, dass Erin ihre Hände im Spiel gehabt hatte. Bei ihr hatte Amy sich nämlich ausgeheult, als James sie am Strand zurückgewiesen und ihr seinen bescheuerten »Wir haben vorerst keinen Sex-Plan« aufgezwängt hatte. Erin war fast aus dem Sessel geplumpst und hätte ihren Bruder am liebsten sofort das Fell über die Ohren gezogen, aber Amy hatte sie zurückgepfiffen. Bis nach Washington hatte dieser Pfiff allerdings wohl nicht gereicht. Armer James! Ach was! Eigentlich hielt sich Amelies Mitleid für ihn dann doch in Grenzen. Irgendwie hatte er das ja auch provoziert.
»So ab nach oben, Ihr zwei«, grinste Erin und schob Amelie zur Treppe. In einer halben Stunde komme ich vorbei, ja? Ich war nämlich so frei und habe Dir ein Kleid besorgt, Liebes. Genauer gesagt ein superschönes Modell in drei verschiedenen Größen, denn so ganz sicher war ich mir nicht, was es jetzt sein muss. Egal, eines wird schon passen.«
Amelie nickte und zwinkerte ihr zu, bevor sie beschwingt die Stufen hinauflief. James folgte ihr mit einer unsagbaren Leidensmiene, wohl wissend, dass die kommende Nacht eine Herausforderung für ihn sein würde, der er kaum gewachsen war. Nein, der er mit hundertprozentiger Sicherheit nicht gewachsen war. Dazu war seine Sehnsucht nach dieser Frau viel zu groß.
Kapitel 45
10. Juni 2013 – Washington D.C.
»Mein Gott, Amy!« Erin starrte die Freundin ihres Bruders verblüfft von oben bis unten an.
Jegliche Farbe wich aus Amelie Gesicht. »So schlimm?«, stammelte sie bedrückt und Tränen schossen ihr in die Augen.
Die andere Frau schüttelte, den Himmel dringend um Hilfe ersuchend, mit dem Kopf. »Machst Du Witze, Du süße Maus?« Sie trat hinter Amelie und schob sie vor den riesigen Wandspiegel. »Ich habe mich immer gefragt, wofür mein Bruder einen solchen Spiegel in seinem Zimmer braucht und glaub mir, was mir dazu eingefallen ist, dürfte nicht wirklich jugendfrei sein. Im Moment bin ich freilich sehr froh, dass dieses Monstrum uns zur Verfügung steht, da kannst Du Dich in Deiner ganzen Pracht bewundern. Und jetzt sieh endlich hin, Herrgott noch mal.«
Amelie stand da wie erstarrt. Mit zusammengekniffenen Augen! Weil sie sich ängstigte, es könne sie der Schlag treffen, wenn sie sich mit ihrem eigenen Anblick konfrontierte. Was für eine bekloppte Idee, ein Ostfriesenmädel in ein Designer-Kleid zu stecken. Das war ja beinahe so, als würde man einen Ackergaul zum Rennen nach Ascot schicken. Ein Ding der Unmöglichkeit!
»Ich sagte, Du sollst da hinsehen, kleine Lady! Hätte nicht gedacht, dass Du so ein Hasenfuß bist.«
Erin kannte Amelie noch
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