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Die Tochter des Ketzers

Die Tochter des Ketzers

Titel: Die Tochter des Ketzers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Julia Kröhn
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Mast oder die ausgerenkte Schulter.
    Aufgeregt sprachen die Männer durcheinander, ohne dem Unglückseligen zu helfen. Es war ein wirres Sprachgemisch – erst jetzt stellte Caterina zum ersten Mal fest, dass die Besatzung aus aller Herren Ländern stammte, wie es bei Schiffen, die im Dienste König Peres von Aragón segelten, üblich war. Da waren Sizilianer darunter, wie Caterina später erfuhr, Katalanen und Pisaner, sogar einer aus Marseille und ein anderer, der von der Insel Korsika stammte. Aufgrund ihrer Pflichten und ihres Ranges ansonsten strikt getrennt, standen sie nun einträchtig beisammen – die Armbrustschützen ebenso wie die Ruderer, der Steuermann wie seine Gehilfen, die einfachen Matrosen, der Koch und auch die Knechte, die für die drei Pferde verantwortlich waren, die in einem kleinen Verschlag im Schiffsrumpf untergebracht waren.
    Unter den vielen Stimmen hörte sie schließlich eine heraus.
    »Der ist hinüber«, sagte jemand dicht neben ihr. Sie hatte kaum gewahrt, dass Akil neben ihr stehen geblieben war und aus gleichem Abstand wie sie die Aufregung verfolgte.
    »Gibt es denn niemanden an Bord, der ihm helfen könnte?«, fragte Caterina.
    Die Schreie quälten sie nicht nur. Sie schienen vielmehr aus jener Hölle zu kommen, in der sie sich den Unglücksraben gerne vorstellen wollte, zählte er doch vermutlich zu jenen, die sich an ihr vergangen hatten, wurde solcherart also bestraft.
    »Gaspares Männer müssen hart arbeiten können und bedingungslos gehorsam sein«, meinte Akil eben. »Davon, wie man gebrochene Beine schient und Wunden heilt, müssen sie jedoch nichts verstehen. Noch letzten Monat geschah Ähnliches, Mastbrüche sind häufig. Der Arme, den’s damals getroffen hat, hat drei Tage durchgeschrien, bis ihn das Wundfieber stumm gemacht hat.«
    Eine leise Brise erfasste Caterinas Haar und ließ es, wiewohl strähnig und schwer, tanzen, es schien dem Takt des Gebrülls zu folgen, jener süßen Melodie der Rache. Kurz regte sich ein wenig Scheu angesichts der eigenen tiefen Genugtuung, des- gleichen überkam Caterina eine Ahnung, wie verroht ihre Seele sein musste, um an einer Sache Vergnügen zu finden, die noch wenige Wochen zuvor nur Grauen erzeugt hätte, vielleicht sogar Mitleid.
    Aber lauter als das Unbehagen war jene Schadenfreude, mit der sie – sich mühsam ein Lächeln verkneifend – auf den sich Windenden herabstarrte: Schrei du nur! Dann weißt du, wie’s ist, wenn du Schreckliches erleiden musst und niemand dir hilft, wenn quälende Schmerzen dich peinigen, aber die Ohnmacht zögert, dich zu erlösen!
    »’s ist besonders schlimm für Gaspare, dass es ausgerechnet den da getroffen hat«, durchbrach Akils Murmeln ihre Gedanken.
    »Warum?«
    »Er ist einer der Gehilfen des Steuermanns und – wie man sagt – erfahrener als dieser. Kann nicht nur von Wolken und Wind, Sonne und Sternen und dem Treibgut ablesen, wo wir sind, sondern auch von der Farbe des Wassers. Muss auch nur schmecken, wie salzig es ist, um den Ort zu bestimmen.«
    In diesem Moment sah der Unglückselige freilich nicht aus, als würde er je wieder etwas schmecken. Schrill und hoch wurden die Schreie, als man ihn – offenbar das Einzige, was man zu tun wusste – vom schnabelförmigen Bug hin zur freien Fläche rund um den Hauptmast, dem Schiffsforum, trug, und noch lauter brüllte er auf, als man ihn dort niederlegte.
    Genau hier, dachte Caterina, genau hier muss es geschehen sein, dass auch ich gelegen habe ...
    Sie erinnerte sich an den harten, rauen Boden, doch erstmals nicht an die eigenen, gequälten Laute, die sie ausgestoßen hatte, denn jene wurden vom Toben des Gequälten übertönt. Erst jetzt sah sie, dass die Schulter nicht nur ausgerenkt war, sondern obendrein heftig blutete. Einige der Splitter vom Mast hatten sich wohl in sein Fleisch gebohrt.
    Schrei du nur!, dachte sie wieder. Schrei du nur!
    Sie wusste nicht, wie lange sie da gestanden hatten, sie selbst befriedigt, Gaspare und seine Männer hilflos, Akil schließlich gleichmütig, wie es ihm eigentümlich war. Sie merkte auch kaum, dass er sich von ihrer Seite löste, vom Deck verschwand, nach einer Weile wiederkehrte, diesmal nicht allein.
    Caterina zuckte erst zusammen, als sie eine unerwartete Stimme hörte.
    »Gaspare«, sprach jene forsch, »Gaspare, wenn du willst, kann ich versuchen, ihn zu retten.«
    Nachdem Ray ins Freie getreten war, ward er nicht minder heftig von dem Licht und dem blauen Himmel getroffen als Caterina.

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