Die Tochter des Ketzers
Rahsegeln ... du weißt schon.«
Caterina wusste es nicht, aber irgendwie war sie erleichtert, dass Akil nicht länger düster klang, sondern kurz von echter Begeisterung belebt war.
»Mein Volk hat mit solchen Dromonen große Teile des Mittelmeers erobert. Doch dabei blieb es nicht. Sie entwickelten sie weiter, bauten Schiffe mit stark ausfallenden Steven, schließlich die ersten Galeeren, ähnlich wie diese, auf der wir uns befinden, schnell und wendig, mit Heckruder und mehrmastigen Takelagen und einem zweiten, kleineren Mast am Heck des Schiffes.«
»Du scheinst viel davon zu verstehen«, warf Çaterina ein.
Ob seines Redeflusses war Akil stehen geblieben.
»So ist es«, fuhr er fort. »Mehr als manch Schiffbauer in Tortosa, die berühmt für ihre Fertigkeiten sind. Das hat Gaspare erkannt. Hab ihm versprochen, ihm sieben Jahre zu dienen und ihn alles zu lehren, was ich über die Schiffe weiß. Vor allem, wie man jene Segel herstellt, welche Lateiner heißen und mit denen man gegen den Wind kreuzen kann, anstatt nur vor ihm zu fahren. Werd mir mit meinem Wissen die Freiheit erkaufen, nach und nach. Und wenn es ausreicht, wird er mir die Talla, den Freibrief ausstellen. Er hat’s versprochen.«
Caterina lachte bitter auf. »Und du vertraust ihm?«
»Gaspare steht zu seinem Wort«, antwortete er ernsthaft. »Er ist ein gerechter Mensch. Ich habe nie gesehen, dass einen so sehr nach Gerechtigkeit dürstet wie ihn.«
Seine Worte über die Schiffe hatten sie kurz ihre Lage vergessen lassen. Die jetzigen drohten freilich all ihre Ängste und Verzweiflung hochzuspülen – gefährlich hoch, über jene unsichtbare Grenze hinweg, mit der sie sie in den letzten Stunden im Zaum gehalten hatte. »Was für ein Unsinn!«, entfuhr es ihr. »Ist denn gerecht, was mir widerfahren ist?«
Sein Blick schien zu flackern. »Nein«, erwiderte er jedoch mit fester Stimme, »aber Gaspare ist deinem Wohlergehen nicht verpflichtet. Euch beide bindet kein Abkommen. Du stehst nicht in seiner Schuld ... so wie ich. Warum hätte er dir helfen sollen?«
»Vielleicht aus Mitleid?«
»Erwarte kein Mitleid«, gab Akil zurück, »es ist aufgebraucht. Was hinter ihm liegt, ist bitter wie mein Geschick. Aber wenn du Gaspare Nutzen bringst, das kann ich dir versprechen, wird er es dir lohnen und dich nicht in den Staub treten.«
Ray erwartete sie ungeduldig. Seit Akil sie geholt hatte, schien er fortwährend auf die Tür gestarrt zu haben, und als sie endlich eintrat, stürzte er auf sie zu.
»Wo warst du? Was ist dir geschehen? Hast ... hast du diesen Gaspare getroffen? Was hat er zu dir gesagt?«
Caterina winkte müde ab. Der Schmerz zwischen ihren Beinen war vom glühenden Brennen in ein dumpfes Pochen übergegangen. Das Blut war verkrustet, es kam kein neues mehr hinzu.
»Ich kann es dir nicht sagen«, murmelte sie, als wäre es gänzlich widersinnig, dass er von ihr etwas zu erfahren begehrte – wo es doch bislang stets umgekehrt war: Ihm war die Welt vertraut, ihr hingegen fremd. Er wusste sich durchzuschlagen, kannte viele Menschen, trickste und betrog, um durch die Tage zu kommen. Und sie war ihm mit gesenktem Kopf hinterhergeschlichen, bereit, sich das Notwendigste an Wissen anzueignen, doch strebsam darauf bedacht, nicht zu viel von seinem Leben zu begreifen.
Und nun war er’s, der von der Welt weggesperrt war, und sie, die von dieser Nachricht bringen konnte.
»Was war der Grund, warum er dich zu sich holte? Hat ... hat er dir Gewalt angetan? Caterina, wie ist dir? Du zitterst, du bist leichenblass! Was hat er dir getan?«
Sie zuckte zusammen. Das Grauen hatte nicht vermocht, sie einzuholen, als sie mit Gaspare und Akil gesprochen hatte. Es hatte sich um ihre Beine geschlungen, war grummelnd im Magen gehockt, doch die ruhigen Worte, die sie gesagt hatte, hatte es nicht anzukratzen vermocht. Nun sackte sie in die Knie, konnte nicht antworten, sondern nur aufschluchzen.
»Mein Gott!«, entfuhr es Ray, als könnte er sehen, wie der gnädige Zufluchtsort, in dem sich sämtliche Gefühle verkrochen hatten, überflutet wurde.
»Er hat mir nichts getan«, war das Letzte, was sie stammelnd zu sagen vermochte. »Ich soll ... ich soll für ihn schreiben.«
Gleichwohl dieses Geschäft damit verbunden war, dass Gaspare kein weiteres Mal seine Männer auf sie losließ, verstärkte sich das Schluchzen. Es blieb rau, trocken – bar der Tränen. Es klang, als würde sie sich übergeben, doch es trat nichts über ihre Lippen, nicht
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