Die Tore der Welt
auf eine Art
auftreiben kann, an die bis jetzt niemand gedacht hat.« Steif erwiderte Carlus:
»Bitte, überlasst es uns zu entscheiden, was Gott tut und was nicht.« »Also
gut.« Edmund stand auf, und Caris tat es ihm nach. »Es tut mir wirklich sehr
leid, dass Ihr so denkt. Es ist eine Katastrophe für Kingsbridge und alle, die
hier leben — die Mönche eingeschlossen.« »Das muss Gott entscheiden, nicht
Ihr.« Edmund und Caris wandten sich zum Gehen.
»Eines noch, wenn
Ihr gestattet«, sagte Carlus.
Edmund drehte sich
an der Tür noch einmal um. »Natürlich.« »Es geht nicht an, dass Laien die
Gebäude der Priorei betreten, wie es ihnen gefällt. Wenn Ihr mich das nächste
Mal zu sehen wünscht, dann geht bitte ins Hospital und schickt einen Novizen
oder Diener nach mir — so wie es üblich ist.« »Ich bin der Älteste des Gemeinderates!«,
protestierte Edmund. »Ich habe stets direkten Zugang zum Prior gehabt.« »Ohne
Zweifel hat die Tatsache, dass Prior Anthony Euer Bruder war, ihn davon
abgehalten, die üblichen Regeln anzuwenden, doch diese Zeiten sind jetzt
vorbei.« Caris schaute ihren Vater an. Er hatte sichtlich Mühe, seine Wut im
Zaum zu halten.
»Also schön«, sagte
er gereizt.
»Gott segne Euch.«
Edmund ging hinaus,
und Caris folgte ihm.
Gemeinsam gingen
sie über die verschlammte Wiese, vorbei an einem armselig kleinen Häuflein
Marktstände. Caris wusste, welche Last auf den Schultern ihres Vaters ruhte.
Die meisten Menschen kümmerten sich nur darum, ihre Familien zu ernähren.
Edmund sorgte sich um die ganze Stadt. Caris schaute ihn an und sah, dass er
kummervoll die Stirn in Falten legte. Im Gegensatz zu Carlus würde Edmund nicht
die Hände gen Himmel heben und ausrufen, Gottes Wille geschehe. Er suchte
verzweifelt nach einer Lösung für das Problem. Caris empfand Mitleid mit ihm.
Er bemühte sich nach besten Kräften, das Beste zu tun, ohne auch nur den Hauch
von Hilfe durch die mächtige Priorei zu bekommen. Und er beschwerte sich nie
über seine Verantwortung, er nahm sie einfach an. Caris stiegen Tränen in die
Augen.
Sie verließen das
Klostergelände und überquerten die Hauptstraße. Als sie an ihrer Haustür
anlangten, sagte Caris: »Was sollen wir jetzt tun?«
»Das ist doch
offensichtlich, oder?«, erwiderte ihr Vater. »Wir müssen dafür sorgen, dass
Carlus nicht zum Prior gewählt wird.«
----
KAPITEL 15
Godwyn hatte sein
Ziel klar vor Augen: Er wollte Prior von Kingsbridge werden.
Es drängte ihn
danach, die Finanzen der Priorei neu zu ordnen und die Ländereien und anderen
Besitzungen besser zu verwalten, sodass die Mönche nicht länger zu Mutter
Cecilia gehen mussten, wenn sie Geld haben wollten. Er sehnte sich nach einer
strengeren Trennung von Mönchen und Nonnen, und auch die Nähe zu den
Stadtbewohnern war ihm zu groß. Die Mönche mussten endlich wieder die reine
Luft der Heiligkeit atmen.
Doch neben diesen
untadeligen Gründen gab es auch noch etwas anderes. Godwyn verzehrte sich nach
der Autorität und dem Respekt, die mit Rang und Titel eines Priors
einhergingen. Des Nachts, in seinen Träumen, war er schon seit Langem Prior.
»Räum die Unordnung
im Kreuzgang auf!«, würde er dann einem Mönch befehlen.
»Ja, Vater Prior,
sofort.«
Godwyn liebte
diesen Klang. Vater Prior.
»Ich wünsche Euch
einen guten Tag, Bischof Richard«, würde er sagen, nicht unterwürfig, sondern
mit freundlicher Höflichkeit.
Und Bischof Richard
würde, von einem ehrwürdigen Kirchenmann zum anderen, erwidern: »Auch Euch einen
schönen Tag, Prior Godwyn.«
»Ich hoffe, es ist
alles zu Eurer Zufriedenheit, Erzbischof«, könnte er dann sagen, diesmal
allerdings ein wenig respektvoller, doch immer noch wie ein fast
Gleichgestellter des hohen Kirchenfürsten und nicht wie ein Untertan.
»Oja, Godwyn, Ihr
habt das hier hervorragend gemacht.« »Euer Ehrwürden sind sehr freundlich.« Und
vielleicht, wenn er eines Tages mit einem reich gekleideten Herrscher durch den
Kreuzgang schlendern würde: »Es ist uns eine große Ehre, dass Eure Majestät unsere
bescheidene Priorei besucht.« »Ich danke Euch, Vater Godwyn, doch ich bin
gekommen, Euch um Rat zu bitten.« Godwyn wollte dieses Amt, gierte danach …
nur war er nicht sicher, wie er es bekommen sollte. Die ganze Woche dachte er
über diese Frage nach, während er hundert Beerdigungen leitete und ein großes
Hochamt am Sonntag plante, als
Weitere Kostenlose Bücher