Die Tore der Welt
Datum her am nächsten kam, war eine Woche später verfasst
worden. Darin erteilte Graf Roland Sir Gerald die Erlaubnis, seine Ländereien
an die Priorei zu überschreiben. Als Gegenleistung erklärte die Priorei sich
bereit, Sir Gerald seine Schulden zu erlassen und ihn und sein Weib für den
Rest ihres Lebens zu versorgen.
Godwyn war nicht
enttäuscht, eher im Gegenteil: Entweder war Thomas ohne die übliche Spende
aufgenommen worden — was an sich schon seltsam genug gewesen wäre —, oder das
entsprechende Dokument wurde anderswo aufbewahrt, um es vor neugierigen Blicken
zu schützen. Doch wie auch immer, es erschien zunehmend wahrscheinlicher, dass
Petronillas Ahnung zutraf: Thomas hatte ein Geheimnis zu verbergen.
Es gab nicht viele
Orte in der Priorei, an denen man ungestört ganz für sich allein sein konnte.
Von Mönchen erwartete man, dass sie weder Besitz noch Geheimnisse hatten. In
einigen wohlhabenderen Klöstern gab es zwar Privatzellen für hochrangige
Mönche, doch in Kingsbridge schliefen alle in einem einzigen, großen Raum —
alle mit Ausnahme des Priors. Also befand Thomas‘ Aufnahmeurkunde sich mit
ziemlicher Sicherheit im Haus des Priors.
Und da wohnte im
Augenblick Carlus.
Das machte die
Sache schwierig. Carlus würde Godwyn niemals das Haus durchsuchen lassen …
Aber vielleicht war eine Durchsuchung gar nicht nötig. Vermutlich gab es
irgendwo ein Kästchen oder eine Mappe, die für alle sichtbar unter den
persönlichen Dokumenten des verstorbenen Priors Anthony lag: ein Notizbuch aus
seiner Novizenzeit, ein freundlicher Brief des Erzbischofs, ein paar
vorgefasste Predigten. Carlus war das alles nach Anthonys Tod vermutlich schon
durchgegangen, hatte aber keinen Grund, Godwyn Gleiches zu gestatten.
Nachdenklich legte
Godwyn die Stirn in Falten. Könnte jemand anders dort suchen? Edmund oder Petronilla
könnten darum bitten, die Besitztümer ihres verstorbenen Bruders einzusehen …
in diesem Fall könnte Carlus die Erlaubnis nur schwer verweigern. Allerdings
könnte er im Vorfeld alle Dokumente beiseiteschaffen, die mit der Priorei zu
tun hatten. Nein, die Suche musste heimlich vonstatten gehen.
Die Glocke läutete
zur Terz, dem Morgengebet — und mit einem Mal fiel Godwyn ein, dass Carlus nur
während einer Andacht oder eines Gottesdienstes, die in der Kathedrale
stattfanden, nicht im Haus des Priors sein würde.
Godwyn würde die
Terz ausfallen lassen. Ihm würde schon irgendeine glaubwürdige Entschuldigung
einfallen. Leicht war das allerdings nicht. Er war der Mesner, die einzige
Person, die nie einen Gottesdienst ausfallen lassen sollte. Aber ihm blieb keine
andere Wahl.
»Ich möchte, dass
du zu mir in die Kirche kommst, Philemon«, sagte Godwyn.
»In Ordnung«,
erwiderte Philemon, doch er schaute besorgt drein: Bedienstete der Priorei
durften den Chor während der Gottesdienste eigentlich nicht betreten.
»Komm gleich nach
der ersten Strophe des Stundengebets. Flüstere mir etwas ins Ohr, egal was —
und kümmere dich nicht darum, was ich daraufhin tue, sondern mach einfach
weiter.«
Philemon wurde noch
unruhiger, nickte aber. Er würde alles für Godwyn tun.
Godwyn verließ die
Bibliothek und schloss sich der Prozession zur Kirche an. Nur eine Handvoll
Leute standen im Hauptschiff; die meisten Stadtbewohner würden erst später am
Tag zur Trauerandacht für die Opfer des Brückeneinsturzes kommen. Die Mönche
nahmen ihre Plätze im Chor ein, und das Ritual begann. »Deus in adiutorium meum
intende!«, begann der Vorbeter, und Godwyn antwortete gemeinsam mit den anderen
Betenden: »Domine ad adiuvandum mefestina … « O Gott, komm mir zu Hilfe.
Herr, eile mir zu helfen …
Sie beendeten das
Gebet und stimmten den Hymnus an. Sofort erschien Philemon. Alle Mönche
Starrten ihn an, so wie die Leute immer starren, wenn während eines gewohnten
Ritus irgendetwas Außergewöhnliches geschieht. Bruder Simeon runzelte
missbilligend die Stirn. Der blinde Carlus, der den Gesang anführte, spürte die
Störung und schaute verwirrt drein. Philemon ging zu Godwyn und beugte sich zu
ihm. »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …«, flüsterte er ihm
ins Ohr.
Godwyn spielte den
Überraschten und hörte weiter zu, während Philemon den ersten Psalm rezitierte.
Nach ein paar Augenblicken schüttelte Godwyn vehement den Kopf, als lehne er
eine Bitte ab.
Dann hörte er
wieder zu. Er würde sich eine wirklich
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