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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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gute Geschichte ausdenken müssen, um
dieses Schauspiel zu erklären. Vielleicht würde er sagen, seine Mutter habe
darauf bestanden, umgehend über die Beerdigung ihres Bruders mit ihm, Godwyn,
zu sprechen, und dass sie gedroht habe, persönlich im Chor zu erscheinen, wenn
Philemon ihm die Nachricht nicht sofort übermittle. Petronillas hochfahrende
Art — in Verbindung mit der Trauer in der Familie — machte diese Geschichte
gerade noch so glaubwürdig. Als Philemon den Psalm beendet hatte, setzte Godwyn
ein resigniertes Gesicht auf, erhob sich und folgte Philemon aus dem Chor.
    Sie eilten um die
Kathedrale herum zum Haus des Priors. Ein junger Bediensteter putzte den Boden.
Doch er würde es nicht wagen, einen Mönch zu fragen, was er hier zu suchen
habe. Natürlich könnte er Carlus berichten, dass Godwyn und Philemon hier gewesen
waren, doch dann wäre es zu spät.
    Godwyn hielt das
Haus des Priors für eine Schande. Es war kleiner als Onkel Edmunds Haus an der
Hauptstraße. Philemon war der Meinung, dass der Prior einen Palast haben
sollte, der seiner Stellung angemessen war, so wie der Bischof. Dieses Gebäude
aber hatte überhaupt nichts Prachtvolles. Ein paar Wandteppiche bedeckten die
Wände. Sie zeigten biblische Szenen und schützten vor Durchzug, doch alles in
allem war die Ausstattung langweilig und fantasielos … wie der verstorbene
Anthony.
    Godwyn und Philemon
durchsuchten das Haus rasch und fanden bald, wonach sie suchten. Oben im
Schlafzimmer, in einer Truhe neben dem Betpult, lag eine große Mappe. Sie
bestand aus hellbraunem Ziegenleder und war mit wunderbarem scharlachrotem
Faden vernäht. Godwyn war sicher, dass es sich dabei um das fromme Geschenk
eines Lederschneiders aus der Stadt handelte.
    Unter Philemons
aufmerksamem Blick öffnete er die Mappe.
    Im Innern befanden
sich dreißig glatt gestrichene Blätter Pergament; zum Schutz waren Leinentücher
zwischen die einzelnen Blätter gelegt. Godwyn überflog sie rasch.
    Auf mehreren
standen Notizen zu den Psalmen: Anthony musste darüber nachgedacht haben, ein
Buch mit Kommentaren zu schreiben, doch irgendwann schien er das Werk
aufgegeben zu haben.
    Der überraschendste
Text war ein Liebesgedicht auf Latein. Unter der Überschrift Virent Oculi
richtete es sich an einen Mann mit grünen Augen. Onkel Anthony hatte grüne
Augen mit goldenen Flecken gehabt, wie jeder in seiner Familie.
    Godwyn fragte sich,
wer das Gedicht wohl geschrieben hatte.
    Nicht viele Frauen
konnten ausreichend gut Latein, um ein Gedicht zu verfassen. Hatte eine Nonne
Anthony geliebt? Oder stammte das Gedicht von einem Mann? Das Pergament war alt
und vergilbt: Die Liebesaffäre — falls es eine war — musste in Anthonys Jugend
stattgefunden haben. Aber er hatte das Gedicht aufbewahrt.
    Vielleicht war der
Mann ja doch kein solcher Langweiler gewesen, wie Godwyn immer gedacht hatte.
    Philemon fragte:
»Was ist das?«
    Godwyn fühlte sich
schuldig. Er hatte in einen zutiefst persönlichen Bereich im Leben seines
Onkels hineingeschaut; nun wünschte er sich, er hätte es nicht getan. »Nichts«,
antwortete er. »Nur ein Gedicht.« Er griff zum nächsten Blatt — und stieß auf Gold.
    Es war ein
Dokument, das auf Weihnachten vor zehn Jahren datiert war. Es ging um einen
Landbesitz von fünfhundert Morgen in der Nähe von Lynn in Norfolk. Der Herr war
kurz zuvor gestorben, und in der Urkunde wurden die nunmehr vakanten Rechte an
die Priorei von Kingsbridge übertragen und die jährlichen Abgaben festgelegt —
Getreide, Felle, Kälber und Hühner —, zahlbar an die Priorei von den
Leibeigenen und Pächtern, die das Land bewirtschafteten. Außerdem wurde einer
der Bauern zum Vogt bestimmt mit der Aufgabe, die Erträge jährlich an die
Priorei abzuliefern. Auch waren Geldzahlungen erwähnt, die anstelle der Abgaben
geleistet werden konnten — eine Praxis, die dieser Tage üblich war, besonders,
wenn der Besitz weit von der Residenz des Herrn entfernt lag.
    Es war eine
typische Überschreibungsurkunde. Jedes Jahr pilgerten die Repräsentanten
Dutzender ähnlicher Gemeinden nach der Ernte zur Priorei, um abzuliefern, was
sie den Mönchen schuldeten.
    Die aus der Nähe
kamen im Frühherbst, andere in Abständen während des Winters, und ein paar, die
von ganz weit her kamen, trafen erst nach Weihnachten ein.
    In der Urkunde
wurde außerdem erwähnt, dass die Übertragung von Grund und Boden und sämtlicher
Rechte

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