Die Tore der Welt
leicht sein, Thomas zu täuschen — und genau das hatte Godwyn vor.
Thomas gestattete
Philemon, seinen Platz am Stuhl einzunehmen, und Godwyn zog ihn ins
Seitenschiff. »Man redet von dir als unserem nächsten Prior«, sagte Godwyn.
»Das sagen sie auch
von dir«, erwiderte Thomas.
»Ich werde mich
aber nicht zur Wahl stellen.« Thomas hob die Augenbrauen. »Du überraschst mich,
Bruder.« »Ich habe zwei Gründe für meine Entscheidung«, erklärte Godwyn. »Zum
einen glaube ich, dass du das Amt besser ausfüllen würdest … « Thomas schaute
noch verwunderter drein. Vermutlich hatte er Godwyn nie solcher Bescheidenheit
für fähig gehalten. Und er hatte recht: Godwyn log.
»Zum anderen«, fuhr
Godwyn fort, »ist es wahrscheinlicher, dass du gewinnst.« Nun sprach Godwyn die
Wahrheit. »Die jungen Brüder mögen mich, aber du bist bei Jungen und Alten
beliebt.«
Auf Thomas‘ schönem
Gesicht spiegelte sich immer größere Verwirrung. Er wartete auf den Haken an
der Sache.
»Ich will dir
helfen«, sagte Godwyn. »Ich halte es für das einzig Wichtige, dass wir einen
Prior bekommen, der das Kloster reformiert und die Finanzen verbessert.«
»Ich glaube, das
könnte ich. Aber was willst du als Gegenleistung für deine Unterstützung?«
Godwyn wusste, dass
er seine Unterstützung nicht als Freundschaftsdienst hinstellen konnte; das
würde Thomas ihm nicht abnehmen. Godwyn erfand eine glaubhafte Lüge: »Ich
möchte Subprior werden.«
Thomas nickte, stimmte aber nicht sofort
zu. »Und wie sähe deine Hilfe aus?«
»Zuerst einmal
würde ich dir die Unterstützung der Bürgerschaft sichern.« »Nur weil Edmund
Wooler dein Onkel ist?« »So einfach ist das nicht. Die Bürger machen sich
Sorgen wegen der Brücke. Carlus will nicht mit der Sprache heraus, wann die
Bauarbeiten beginnen sollen — falls überhaupt. Die Leute wollen auf gar keinen
Fall, dass er Prior wird. Wenn ich Edmund sage, dass du unmittelbar nach deiner
Wahl mit den Arbeiten an der Brücke beginnen wirst, hast du die ganze Stadt
hinter dir.« »Das wird mir aber nicht die Stimmen vieler Mönche bringen.« »Sei
dir da nicht so sicher. Vergiss nicht, dass die Wahl der Mönche vom Bischof
bestätigt werden muss. Die meisten Bischöfe sind klug genug, dass sie die
Meinung der Einheimischen einholen, und Richard ist begierig darauf, jeden
Ärger zu vermeiden.
Wenn die Bürger
sich für dich erklären, hat das durchaus Gewicht!« Godwyn sah, dass Thomas ihm
nicht traute. Der Matricularius musterte ihn aufmerksam, und Godwyn spürte, wie
ihm eine Schweißperle über den Rücken rann, während er darum kämpfte, ein ausdrucksloses
Gesicht zu bewahren. Doch Thomas hörte sich seine Argumente an. »Es besteht
kein Zweifel daran, dass wir eine Brücke brauchen«, sagte er. »Carlus ist ein
Narr, den Bau auch nur hinauszuzögern.« »Du würdest also nur etwas versprechen,
was du ohnehin tun willst.« »Du verstehst es wirklich, einen zu überreden.«
Godwyn hob
abwehrend die Hände. »Oh, das will ich nicht. Du musst tun, was du für Gottes
Willen hältst.« Thomas schaute skeptisch drein. Er glaubte nicht, dass Godwyn
so leidenschaftslos war; aber er sagte: »Na gut.« Dann fügte er hinzu: »Ich
werde beten und Gott um seinen Ratschluss bitten.« Godwyn sah ein, dass er
heute keine verbindlichere Erklärung von Thomas mehr bekommen würde, und ihn
weiter zu drängen könnte sich als ungünstig erweisen.
»Dann ziehe auch
ich mich zum Gebet zurück«, sagte er und wandte sich ab.
Thomas würde genau
das tun, was er verkündet hatte: beten.
Der einstige Ritter
besaß kaum persönlichen Ehrgeiz. Wenn er glaubte, es sei Gottes Wille, dass er
als Prior kandidiere, würde er es tun; wenn nicht, dann nicht. Godwyn konnte im
Augenblick nicht mehr erreichen.
Inzwischen brannten
Dutzende von Kerzen um Anthonys Sarg.
Das Hauptschiff
füllte sich mit Bürgern und Bauern aus den umliegenden Dörfern. Godwyn suchte
die Menge nach Caris‘ Gesicht ab, das er ein paar Minuten zuvor gesehen hatte.
Er entdeckte sie im südlichen Querschiff, wo sie sich Merthins Gerüst
anschaute.
Godwyn hatte
liebevolle Erinnerungen an Caris als Kind, als er noch ihr allwissender großer
Vetter gewesen war.
Seit dem Einsturz
der Brücke hatte Caris nur doch düster dreingeschaut, wie Godwyn bemerkt hatte,
doch heute wirkte sie geradezu fröhlich. Das freute ihn: Er hatte schon immer
eine Schwäche für sie gehabt.
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