Die Tore der Welt
fühlte sich
ermutigt. »Dann werdet Ihr mich einstellen?«
»Als was?«
»Als Zimmermann.
Ihr habt selbst gesagt, ich sei tüchtig.«
»Aber wo sind deine
Werkzeuge?« »Elfric will sie mir nicht geben.« »Und damit hatte er recht, denn
du hast deine Lehre nicht abgeschlossen.« »Dann nehmt mich für sechs Monate als
Lehrling.«
»Und danach soll
ich dir umsonst Werkzeuge geben, oder was?
So viel
Großzügigkeit kann ich mir nicht leisten.« Werkzeuge waren teuer, weil Eisen
und Stahl teuer waren.
»Ich würde mich
auch als Arbeiter verdingen und Geld sparen, um mir selbst Werkzeuge zu kaufen.«
Das würde lange dauern, doch Merthin war verzweifelt.
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich auch eine
Tochter habe.«
Es war zum
Verrücktwerden. »Ich bin keine Bedrohung für Jungfrauen. Das wisst Ihr.«
»Du bist ein
Beispiel für andere Lehrlinge. Wenn du damit durchkommst, was soll andere dann
davon abhalten, ebenfalls ihr Glück zu versuchen?«
»Das ist
ungerecht!«
Bill zuckte mit den
Schultern. »Das denkst du vielleicht, aber frag die anderen Zimmermannsmeister
in der Stadt. Du wirst feststellen, dass sie genauso denken wie ich.«
»Aber was soll ich
denn tun?«
»Ich weiß es nicht.
Darüber hättest du nachdenken sollen, bevor du Elfrics Töchterlein gevögelt
hast.«
»Ist es Euch denn
vollkommen egal, einen guten Zimmermann zu verlieren?«
Wieder zuckte Bill
mit den Schultern. »Umso mehr Arbeit für uns andere.« Merthin wandte sich ab.
Das ist das Problem mit den Zünften, dachte er verbittert: Es ist zu ihrem
Vorteil, andere Menschen auszuschließen, aus welchen Gründen auch immer. Eine
Knappheit an Zimmerleuten würde nur die Löhne in die Höhe treiben. Sie hatten
keinen Grund, gerecht zu sein.
Howells Witwe
verließ nun den Friedhof, begleitet von ihrer Mutter. Somit war Caris von ihrer
Pflicht entbunden und kam zu Merthin. »Was schaust du so unglücklich drein?«,
fragte sie. »Du hast Howell doch kaum gekannt.«
»Es könnte sein,
dass ich die Stadt verlassen muss«, sagte er.
Caris wurde blass.
»Aber warum denn, um Himmels willen?«
Merthin erzählte
ihr, was Bill Watkin gesagt hatte. »Wie du siehst, wird niemand in Kingsbridge
mich einstellen, und auf eigene Rechnung kann ich nicht arbeiten, denn ich habe
keine Werkzeuge.
Ich könnte bei
meinen Eltern leben, doch ich kann ihnen das Essen nicht vom Mund stehlen.
Deshalb werde ich mir irgendwo anders Arbeit suchen müssen, wo niemand etwas
von Griselda weiß.
Mit der Zeit werde
ich mir dann vielleicht genug Geld zusammengespart haben, dass ich mir einen
Hammer und einen Beitel leisten kann. Dann werde ich in eine andere Stadt
ziehen und Einlass in die Zimmermannszunft beantragen.« Während er Caris dies
alles erklärte, ging ihm allmählich das ganze Elend seiner Situation auf. Er
sah Caris‘ vertrautes Gesicht, als wäre es das erste Mal, und erneut
verzauberten ihn ihre funkelnden grünen Augen, ihre kleine, schmale Nase und
das entschlossene Kinn. Ihr Mund, erkannte er, passte nicht so recht zum Rest
des Gesichts: Er war zu breit und die Lippen zu voll. Das störte die
Regelmäßigkeit ihrer Züge — so, wie ihre Empfindsamkeit ihren klaren Verstand
untergrub. Es war ein Mund, wie geschaffen für fleischliche Freuden, und allein
schon der Gedanke, wegzugehen und diesen Mund nie wieder küssen zu können,
erfüllte Merthin mit Verzweiflung.
Caris war außer
sich vor Wut. »Das ist niederträchtig! Sie haben kein Recht dazu!«
»Das sehe ich
genauso, nur kann ich offenbar nichts dagegen tun.« »Gib nicht so schnell auf.
Lass uns darüber nachdenken. Du kannst bei deinen Eltern wohnen und bei mir
essen … « »Ich will nicht in Abhängigkeit geraten wie mein Vater.« »Das wirst
du auch nicht. Du kannst Howell Tylers Werkzeuge kaufen. Seine Witwe hat mir
gerade erzählt, dass sie ein Pfund dafür haben will.« »Ich habe aber kein
Geld.«
»Bitte meinen
Vater, dir etwas zu leihen. Er hat dich immer gemocht. Ich bin sicher, er
streckt dir etwas vor.«
»Aber es verstößt
gegen die Regel, einen Zimmermann zu beschäftigen, der nicht der Zunft
angehört.«
»Regeln können
gebrochen werden. Es muss doch jemanden in der Stadt geben, der verzweifelt
genug ist, dass er sich der Zunft widersetzt!«
Merthin erkannte,
dass er sich von alten Männern den Mut hatte nehmen lassen, und er war dankbar,
dass Caris sich weigerte aufzugeben. Sie hatte natürlich
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