Die Tore der Welt
Ort dahin zu vegetieren und alle ein, zwei Jahre ein
Kind zu gebären, von denen die meisten ohnehin nicht heranwachsen würden. Nein,
sie wollte nicht wie ihre Mutter leben.
Lieber würde sie
sterben.
Als sie noch gut
hundert Schritt vom Haus entfernt war, sah sie ihren Vater auf sich zukommen.
Er hatte einen Krug dabei. Wahrscheinlich wollte er sich Bier bei Peggy Perkins
kaufen, Annets Mutter, der Braumeisterin des Dorfes. Pa hatte um diese
Jahreszeit immer Geld, denn es gab auf den Feldern viel zu tun.
Zuerst sah er
Gwenda nicht.
Sie musterte seine
dünne Gestalt, als er über den schmalen Weg zwischen zwei Feldern ging. Er trug
einen langen Kittel, der ihm bis zu den Knien reichte, eine alte Kappe und
selbst gemachte Sandalen, die er sich mit Stroh an die Füße gebunden hatte. Irgendwie
gelang es ihm, verstohlen und keck zugleich zu erscheinen: Er wirkte stets wie
ein unruhiger, ein wenig verängstigter Fremdling, der trotzig versuchte, so zu
tun, als wäre er daheim. Seine Augen standen dicht beieinander, seine Nase war
groß, sein Kiefer breit und das Kinn rund, sodass sein Gesicht wie ein klobiges
Dreieck wirkte.
Gwenda wusste, dass
sie ihm darin ähnelte. Immer wieder schaute er auffällig zu den Frauen auf dem
Feld hinüber, als wollte er sie wissen lassen, dass er sie beobachtete.
Als er näher kam,
warf er ihr einen seiner verstohlenen Blicke unter halb geschlossenen Lidern
zu. Sofort senkte er den Blick und schaute dann wieder auf. Gwenda hob ihr Kinn
und starrte ihn hochmütig an.
Dann erschien ein
Ausdruck des Erstaunens auf Pas Gesicht.
»Du!«, rief er.
»Was ist passiert?«
»Sim Chapman war
kein Hausierer, er war ein Geächteter.« »Und wo ist er jetzt?«
»In der Hölle. Du
wirst ihn da treffen.« »Hast du ihn … umgebracht?«
»Nein.« Gwenda
hatte beschlossen zu lügen, was Sim betraf.
»Die Brücke von
Kingsbridge ist zusammengebrochen, als Sim darüber gehen wollte. Gott hat ihn
für seine Sünden bestraft. Bald bist du an der Reihe.«
»Gott vergibt guten
Christen.«
»Mehr hast du mir
nicht zu sagen? Dass Gott guten Christen vergibt?« »Wie bist du entkommen?«
»Ich habe meinen
Verstand benutzt.«
Ein spöttischer
Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Du bist wirklich ein kluges Mädchen.«
Gwenda starrte ihn
misstrauisch an. »Was führst du jetzt wieder im Schilde?«
»Du bist ein kluges
Mädchen«, wiederholte Pa. »Geh jetzt rein zu deiner Mutter. Du sollst einen
Becher Bier zum Abendessen bekommen.« Er ging weiter.
Gwenda runzelte die
Stirn. Pa schien sich kein bisschen davor zu fürchten, was Ma sagen würde, wenn
sie die Wahrheit erfuhr. Vielleicht glaubte er, dass Gwenda es ihr aus Scham
nicht sagen würde.
Na, da irrte er
sich.
Cath und Joanie
waren vor dem Haus und spielten im Dreck. Als sie Gwenda sahen, sprangen sie
auf und liefen zu ihr. Skip bellte wie verrückt. Gwenda umarmte ihre
Schwestern. Sie hatte geglaubt, sie niemals wiederzusehen. In diesem Augenblick
war sie mehr als nur froh, Alwyn ein langes Messer in den Kopf gerammt zu
haben.
Gwenda ging in die
Hütte. Ma saß auf einem Hocker, gab dem kleinen Eric ein wenig Milch und half
ihm, den Becher ruhig zu halten, damit er nichts verschüttete. Als sie Gwenda
sah, stieß sie einen Freudenschrei aus. Sie stellte den Becher ab, stand auf und
umarmte ihre Tochter. Gwenda brach in Tränen aus.
Nachdem sie erst
einmal mit Weinen angefangen hatte, konnte sie kaum noch aufhören. Sie weinte,
weil Sim sie an einem Strick aus der Stadt geführt hatte; sie weinte, weil sie
sich von Alwyn hatte vergewaltigen lassen; sie weinte um all die Menschen, die
beim Einsturz der Brücke ums Leben gekommen waren, und weil Wulfric Annet
liebte.
Als ihr Schluchzen
so weit verebbt war, dass sie wieder sprechen konnte, sagte sie zu ihrer
Mutter: »Pa hat mich verkauft. Er hat mich für eine Kuh verkauft, und ich
musste zu den Geächteten gehen.«
»Das war falsch«,
sagte ihre Mutter.
»Falsch? Es war
falscher als falsch! Er ist ein böser, böser Mann!
Er ist der Teufel!«
Ma zog sich aus der
Umarmung zurück. »Sag so was nicht.« »Es ist doch wahr!« »Er ist dein Vater.«
»Ein Vater verkauft
seine Kinder nicht wie Vieh. Ich habe keinen Vater mehr!«
»Er hat dich
achtzehn Jahre lang ernährt.« Gwenda starrte sie verständnislos an. »Wie kannst
du nur so hart sein? Er hat mich an Geächtete verkauft!« »Und uns hat er eine
Kuh besorgt.
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