Die Tore der Welt
Vaters
verlassen«, sagte er. »Wo wohnst du jetzt?«
»Die Witwe Huberts
hat mich aufgenommen, und ich arbeite für den Vogt auf den Feldern des Herrn.
Ein Penny pro Tag, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Nate gefällt es, wenn
seine Knechte und Mägde müde nach Hause gehen. Glaubst du, er wird dir geben,
was du willst?«
Wulfric verzog das
Gesicht. »Er scheint nicht die Absicht zu haben.« »Vielleicht liegt es an dir.
Eine Frau würde die Sache anders angehen.« Verwundert hob er die Augenbrauen.
»Und wie?« Annet funkelte Gwenda an, doch die ignorierte den Blick. »Eine Frau
würde kein Urteil verlangen, vor allem nicht, wo jeder weiß, dass die heutige
Entscheidung nicht endgültig ist«, sagte Gwenda. »Sie würde kein ›Nein‹
für die Möglichkeit eines ›Vielleicht‹ riskieren.«
Wulfric legte
nachdenklich die Stirn in Falten. »Und was würdest du tun?« »Ich würde darum
bitten, dass man mir gestattet, vorläufig weiter auf dem Land zu arbeiten. Ich
würde dafür sorgen, dass man mit einer bindenden Entscheidung wartet, bis ein
neuer Herr ernannt ist. Bis dahin würde jeder sich daran gewöhnen, dass mir das
Land gehört, sodass die Zustimmung des neuen Herrn nur noch Formsache ist. So
könnte ich mein Ziel erreichen, ohne den Leuten allzu viel Gelegenheit zu
geben, sich die Köpfe darüber heißzureden.« Wulfric zögerte. »Nun, ich … «
»Das ist nicht, was
du willst, ich weiß. Aber es ist das Beste, was du heute bekommen kannst. Und
wie soll Nate es dir verweigern, wenn er keinen anderen hat, der die Ernte
einbringt?«
Wulfric nickte. »Du
hast recht. Die Leute würden mich das Getreide ernten sehen und sich an den
Anblick gewöhnen. Mir dann hinterher das Erbe zu verweigern würde allen
ungerecht erscheinen, und ich wäre in der Lage, den Hauptfall zu bezahlen —
zumindest einen Teil.«
»Du wärst deinem
Ziel ein ganzes Stück näher als jetzt.« »Du bist sehr klug.« Wulfric lächelte
sie an und drehte sich dann wieder zu Annet und ihrem Vater um, auf deren
Gesichtern sich Zorn spiegelte.
Gwenda bemerkte
zufrieden, dass David Johns nachdrücklich auf Aaron Appletree, einen der
Geschworenen, einredete. Ihre Worte schienen gewirkt zu haben.
Nate wedelte mit
der Herrschaftsliste. »Wulfrics Vater, Samuel, hat dreißig Shilling bezahlt, um
von seinem Vater erben zu dürfen, und ein Pfund für das Erbe seines Onkels.«
Ein Shilling waren zwölf Pennys. Zwar gab es keine Shillingmünzen; trotzdem
rechnete man damit: Zwanzig Shilling machten ein Pfund. Die Summe, von der Nate
redete, war also genau die Hälfte von dem, was er ursprünglich genannt hatte.
David Johns meldete
sich zu Wort. »Das Land eines Mannes sollte an seinen Sohn übergehen«, rief er.
»Wir wollen bei unserem neuen Herrn, wer immer es sein wird, nicht den Eindruck
erwecken, er könnte sich aussuchen, wer erben darf und wer nicht!«
Zustimmendes Raunen
ging durch die Menge.
Wulfric trat vor.
»Ich weiß, dass du heute keine endgültige Entscheidung treffen kannst, Nate.
Deshalb will ich warten, bis ein neuer Lehnsherr ernannt ist. Ich bitte nur
darum, dass man mir gestattet, weiter das Land zu bestellen. Ich werde alles
tun, um die Ernte einzubringen. Sollte ich scheitern, verlierst du nichts.
Sollte ich Erfolg haben, stehst du bei mir nicht im Wort. Wenn der neue Herr
kommt, werde ich mich seinem Urteil unterwerfen.«
Auf dem Gesicht des
Vogts spiegelte sich Besorgnis. Er sah seine Felle davonschwimmen. Offenbar
hatte er mit einem hübschen Sümmchen von Perkin, Wulfrics zukünftigem
Schwiegervater, gerechnet. Gwenda sah, wie Nate fieberhaft nach einer
Möglichkeit suchte, Wulfrics Bitte abzuschlagen. Als sein Schweigen sich in die
Länge zog, entstand Gemurmel unter den Dörflern, und Nate sah ein, dass er sich
keinen Gefallen tat, wenn er sich weiterhin widerspenstig zeigte. »Also gut«,
sagte er und spielte den Gnädigen, bot allerdings keine überzeugende
Vorstellung. »Was sagen die Geschworenen?«
Aaron Appletree
beriet sich kurz mit den anderen und verkündete dann: »Die Geschworenen
erklären, dass Wulfrics Bitte angemessen ist. Er soll das Land seines Vaters
bestellen, bis Wigleigh einen neuen Herrn hat.«
Gwenda seufzte
erleichtert.
Nate verkündete
zornig: »So sei es.«
Das Gericht löste
sich auf; die Leute gingen nach Hause, um sich zu Tisch zu setzen. Die meisten
Dörfler konnten sich einmal die Woche Fleisch leisten, das
Weitere Kostenlose Bücher