Die Tore der Welt
sie nicht anrühren. Er selbst wird
kommen und sie einräumen.«
Caris fragte
erstaunt: »Bruder Sime möchte seine Bücher und Instrumente hier aufbewahren?
Will er hier arbeiten?«
Joshie zuckte
verlegen die Schultern. Er wusste nichts von Simes Absichten.
Ehe Caris noch
etwas sagen konnte, trat Sime ein. Philemon begleitete ihn. Sime sah sich um
und machte sich dann ohne jede Erklärung daran, seine Truhen auszupacken. Er
nahm einige von Caris‘ Gefäßen von einem Regal und stellte seine Bücher
dorthin. Dann nahm er scharfe Flieten zum Öffnen von Adern sowie die birnenförmigen
Flaschen zum Betrachten von Urinproben hervor.
Caris fragte
vorsichtig: »Habt Ihr die Absicht, viel Zeit hier im Hospital zu verbringen,
Bruder Sime …?«
Philemon antwortete
an seiner Stelle; er schien nur auf diese Frage gewartet zu haben. »Wo denn
sonst?«, sagte er gereizt, als hätte Caris ihn beleidigt. »Dies hier ist doch
das Hospital, oder? Und Bruder Sime ist der einzige Arzt der Priorei. Wie und
wo sollen Kranke behandelt werden, wenn nicht hier und von ihm?«
Plötzlich erschien
die Apotheke gar nicht mehr so geräumig.
Ehe Caris etwas
entgegnen konnte, trat ein Fremder ein. »Bruder Thomas hieß mich
hierherzukommen«, sagte er. »Ich bin Jonas Powderer aus London.«
Der Besucher war
ein Mann um die fünfzig, der einen bestickten Mantel und eine Pelzkappe trug.
Seines beflissenen Lächelns und liebenswürdigen Gebarens wegen vermutete Caris,
dass er seinen Lebensunterhalt verdiente, indem er den Leuten etwas verkaufte.
Jonas reichte den
Anwesenden die Hand und blickte sich im Raum um. Caris‘ ordentliche Reihen
etikettierter Krüge und Phiolen bedachte er mit einem anerkennenden Nicken.
»Bemerkenswert«, sagte er. »Außerhalb Londons habe ich noch keine so gut
ausgestattete Apotheke gesehen.«
»Seid Ihr Arzt?«,
fragte Philemon. Er klang vorsichtig: Er war sich Jonas‘ Stellung nicht sicher.
»Ich bin Apotheker
aus Smithfield. Meine Apotheke ist neben dem Hospital des heiligen
Bartholomäus. Ich will ja nicht prahlen, aber sie ist die größte in der ganzen
Stadt!«
Philemon entspannte
sich. Ein Apotheker war bloß ein Händler, der in der Hackordnung weit unter
einem Prior stand. Mit einem Anflug von Spott fragte er: »Und was führt den
größten Apotheker Londons zu uns?«
»Ich hoffe, hier
ein Exemplar der Kingsbridge Panacea erwerben zu können.« »Der was?«
Jonas lächelte
wissend. »Ihr übt Euch in Bescheidenheit, Vater Prior, aber ich sehe doch, dass
diese Novizin hier in Eurer Apotheke eine Kopie dieses Werkes anfertigt, mit
dessen Hilfe man jede Krankheit heilen kann!«
Caris fragte: »Die
Panacea? Wer behauptet denn, dass darin steht, wie man jede Krankheit heilt?«
»Ich habe es schon
oft gehört! Das Buch enthält Anweisungen, wie man Mittel gegen jedes Gebrechen
bereiten kann!«
Da hatte er nicht
ganz unrecht, musste Caris einräumen. »Aber wie habt Ihr davon erfahren?«
»Ich reise viel,
suche nach seltenen Kräutern und anderen Zutaten, während meine Söhne sich um
das Geschäft kümmern. Ich habe eine Nonne aus Southampton kennengelernt, die
mir eine Kopie der Panacea gezeigt hat. Sie nannte das Werk ein Allheilmittel
und sagte mir, es sei in Kingsbridge geschrieben worden.«
»Hieß diese Nonne
Schwester Claudia?« »Claudia — ja, so hieß sie. Ich habe sie angefleht, mir das
Buch nur so lange zu leihen, wie es dauert, eine Kopie anzufertigen, aber sie
wollte sich nicht davon trennen.« »Ich erinnere mich an sie.« Claudia hatte
eine Pilgerfahrt nach Kingsbridge unternommen, im Kloster gewohnt und sich ohne
Gedanken an die eigene Sicherheit um Pestkranke gekümmert. Zum Dank hatte Caris
ihr das Buch geschenkt.
»Ein
bemerkenswertes Werk«, sagte Jonas begeistert. »Und noch dazu in englischer
Sprache!«
»Nun«, sagte Caris,
»es ist ja auch für Heiler bestimmt, die keine Priester sind und deshalb oft
kein Latein beherrschen.«
»Was ist denn so
ungewöhnlich an diesem Buch?«, fragte Philemon.
»Die Gliederung!«,
begeisterte sich Jonas. »Statt nach den Körpersäften oder den Klassen der
Krankheiten sind die Kapitel nach den Beschwerden eines Kranken geordnet. Ob
Bauchweh oder Übelkeit, Fieber oder Durchfall, Kopfschmerz oder Gliederreißen —
man kann gleich auf der richtigen Seite nachschlagen!«
Philemon sagte
spöttisch: »Also eher ein Buch für Apotheker und ihre Kunden als für Ärzte und
ihre
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