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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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holt Schwester Oonagh. Sie soll Verbände
mitbringen.«
    Megg eilte davon.
    Die Verletzten, die
noch gehen konnten, machten sich aus dem Staub. Caris untersuchte diejenigen,
die zurückbleiben mussten. Ein Bauernjunge hatte einen Messerstich in den Magen
abbekommen und hielt seine hervorquellenden Gedärme fest: Für ihn bestand nur
wenig Hoffnung. Der mit der Armwunde würde überleben, falls Caris die Blutung
stillen konnte. Sie band ihm seinen Gürtel ab, schlang ihn um den Oberarm und
zog ihn zu, bis der Blutfluss zu einem Rinnsal versiegte. »Halt das so fest«,
befahl sie dem Burschen und ging zu einem Stadtjungen, der sich offenbar
mehrere Knochen einer Hand gebrochen hatte. Caris‘ Kopf schmerzte noch immer,
doch sie beachtete es gar nicht.
    Oonagh und mehrere
andere Nonnen trafen ein. Augenblicke später war auch Matthew Barber mit seiner
Tasche an Ort und Stelle. Gemeinsam verbanden sie die Verletzten. Nach Caris‘
Anweisungen hoben Freiwillige die Opfer mit den schlimmsten Blessuren auf und
trugen sie zur Priorei. »Bringt sie in das alte Hospital, nicht in das neue«,
sagte Caris.
    Als sie sich aus
der knienden Haltung erhob, wurde ihr schwindlig. Sie musste sich an Oonagh
festhalten. »Was habt Ihr?«, fragte die Schwester.
    »Nichts. Es geht
schon wieder. Wir müssen ins Hospital.« Sie suchten sich einen Weg zwischen den
Marktständen hindurch zum alten Hospital, wo sie feststellten, dass keiner der
Verletzten dort war. Caris fluchte. »Die Narren haben sie ins falsche Hospital
gebracht!«, schimpfte sie. Offenbar würde es noch eine Weile dauern, bis die
Leute begriffen hatten, wie bedeutsam der Unterschied zwischen dem alten und
dem neuen Hospital war.
    Oonagh und Caris
gingen zu dem neuen Gebäude. Durch einen breiten Torbogen gelangte man auf den
Kreuzgang. Dort begegneten ihnen die Freiwilligen auf dem Heimweg. »Ihr habt
sie in das falsche Haus gebracht!«, fuhr Caris sie an.
    Einer entgegnete:
»Aber Mutter Caris … « »Keine Widerrede, dafür fehlt die Zeit«, sagte sie
ungeduldig. »Tragt sie ins alte Hospital.«
    Im Kreuzgang sah
Caris, wie der junge Bauer mit dem tiefen Schnitt im Arm in einen Raum getragen
wurde, in dem fünf Pestkranke lägen, wie sie wusste. Sie eilte durch das
Geviert. »Halt!«, rief sie zornig. »Was tut ihr da?« Eine Männerstimme
erwiderte: »Sie führen meine Anweisungen aus.« Caris blieb stehen und sah sich
um. Es war Bruder Sime. »Seid kein Narr«, sagte sie. »Er hat einen Messerstich!
Wollt Ihr, dass er an der Pest stirbt?« Simes rundes Gesicht lief rot an. »Ich
habe nicht die Absicht, meine Entscheidungen Eurer Billigung zu unterwerfen,
Mutter Caris.« Das war eine dumme Erwiderung, und Caris ging nicht darauf ein.
»Die verletzten jungen Männer müssen von den Pestopfern ferngehalten werden,
sonst stecken sie sich an!« »Ich glaube, Ihr seid überreizt. Am besten, Ihr
legt Euch ein Weilchen hin.« »Hinlegen?«, stieß sie hervor. »Ich habe diese jungen
Männer gerade erst verbunden! Jetzt werde ich dafür sorgen, dass sie angemessen
behandelt werden. Aber nicht hier!« »Ich danke Euch für die Nothilfe, Mutter«,
sagte Sime. »Aber Ihr könnt es nun mir überlassen, die Verletzten gründlich zu
untersuchen.« »Ihr Narr! Ihr bringt sie um!«
    »Bitte verlasst das
Hospital, bis Ihr Euch beruhigt habt.« »Ihr könnt mich hier nicht rauswerfen,
Ihr dummer Junge! Ich habe dieses Hospital mit dem Geld des Nonnenklosters
errichtet. Ich habe hier das Sagen.« »Glaubt Ihr?«, erwiderte er kühl.
    Caris erkannte,
dass sie diesen Augenblick nicht vorhergesehen hatte, doch Sime sehr wohl. Er
war zornig, doch er bezähmte seine Gefühle. Er war ein Mann, der einen Plan
verfolgte. Caris hielt inne und dachte angestrengt nach. Als sie sich umblickte,
bemerkte sie, dass die Nonnen und Helfer zuschauten und warteten, wie der
Streit ausging.
    »Wir müssen uns um
die Verletzten kümmern«, sagte Caris. »Während wir hier streiten, verbluten sie
uns unter den Händen.
    Wir werden vorerst
einen Kompromiss schließen, Bruder Sime.« Sie hob die Stimme. »Legt jeden dort
hin, wo er gerade ist.« Der Tag war warm; die Patienten brauchten kein Dach
über dem Kopf. »Wir behandeln sie jetzt erst einmal und entscheiden später, wo
sie liegen sollen.«
    Die Freiwilligen und
die Nonnen gehorchten eilfertig: Sie kannten und respektierten Caris, während
Sime ein Unbekannter für sie war.
    Sime sah, dass er

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