Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition)
mochte noch nie etwas von ihrer Vergangenheit gehört haben. Vielleicht war dies ihre Mitreisegelegenheit nach Süden. Allerdings lag das Moutere Valley eher tiefer im früheren Einflussbereich der Ngati Toa als näher an dem der Ngai Tahu.
»Da, wo das Massaker war?« Ida wandte sich interessiert zu ihr um. »Aber da gibt es doch gar keine Siedler. Nur … nur Wilde.«
»Maori«, verbesserte Cat. »Menschen wie du und ich …« Sie duzte die junge Frau jetzt auch, sie war deutlich jünger, als sie Cat auf den ersten Blick erschienen war. Die strenge Kleidung und das zuvor so besorgt wirkende Gesicht hatten sie älter wirken lassen, jetzt, da sie wach und neugierig war, erschien sie Cat noch sehr mädchenhaft.
Die junge Frau errötete. »Ich weiß nichts über sie«, gestand sie. »Ich weiß überhaupt nicht viel … nur dass … Es haben alle Angst vor ihnen, sie schlachten angeblich Leute ab …«
Cat beschloss, ihr Geheimnis zu lüften. »Ich habe mit ihnen gelebt«, verriet sie. »Te Ronga, die Frau, die von den Weißen getötet wurde, war meine Pflegemutter. Und sie war der liebste und beste und großzügigste Mensch auf der ganzen Welt! Natürlich war es nicht richtig von Te Rauparaha, die pakeha töten zu lassen. Aber Te Ronga war seine Tochter! Und Te Rangihaeata forderte Rache für seine Frau. Was würde denn dein Vater sagen, wenn man dich umbrächte? Der wollte den Mörder doch wohl auch am Galgen sehen und all seine Spießgesellen dazu!«
Während Ida das Gespann einmal um Nelson herumtraben ließ, erzählte ihr Cat ihre Geschichte.
»Wie heißt du überhaupt?«, fragte Ida schließlich. »Also ich bin Ida Brandmann.«
»Cat«, stellte Cat sich vor.
Ida lächelte. »Katze!«, übersetzte sie richtig.
Das Wort erinnerte sie an das Kinderlied, das Mrs. Partridge ihr und Elsbeth beigebracht hatte – auf Old MacDonalds Farm hatte es natürlich auch Katzen gegeben.
»Poti auf Maori«, meinte Cat etwas wehmütig. »Was machst du hier allein in Nelson?«
»Ich bin nicht allein. Ich habe auf meinen Mann gewartet. Und jetzt muss ich auch zurück – wenn Ottfried herausfindet, dass ich weggefahren bin, wird er mir zürnen.«
Cat registrierte, dass Ida sich versteifte, ihre Stimme klang ängstlich, als sie von ihrem Mann sprach. Und sie verstand die junge Frau, als sie jetzt wieder in die Straße hinter Mrs. Robins’ Pension einbogen und den dort wartenden Mann sah. Ottfried Brandmanns Gesicht war vor Ärger gerötet – oder vielleicht auch vom Whiskeygenuss, seine Augen wirkten glasig. Er war noch jung, ungefähr so alt wie Ida, aber sein Haar war schon schütter geworden. Er war groß, eine gewisse Untersetztheit war jetzt schon zu erkennen. Wenn er älter war, mochte er schwer und ungelenk werden. Er trug eine braune Papiertüte, in der sich wohl mehrere Flaschen befanden.
Ida hielt den Wagen neben ihm an.
»Wo warst du?« Der Mann blaffte sie an, noch bevor die Pferde ganz zum Stehen gekommen waren. »Du solltest hier warten. Was fällt dir ein, einfach eine Ausfahrt zu machen oder was immer du vorhattest. Noch ein bisschen ratschen mit deiner Freundin Stine vielleicht? Oder mit den anderen Weibern, die ihre Männer von der Gemeinde weggelockt haben? Viel dummes Gerede über ein bisschen Hochwasser?«
Er fixierte seine Frau aus kleinen bösen Augen – und Ida schien unter seinem Blick zu schrumpfen. Dann jedoch sah er Cat … und wollte seinen Augen wohl zunächst nicht trauen. Angetrunken wie er war, mochte er sie für ein Trugbild halten. Ungläubig wanderte sein Blick über ihr wehendes blondes Haar – der Zopf hatte sich bei der wilden Jagd halb gelöst –, ihr zartes, in der langen Zeit im Haus der Beits erblasstes Gesicht, die nussbraunen Augen … und verharrte schließlich auf ihren unter dem schlichten Kleid recht gut erkennbaren weiblichen Formen, den kleinen Brüsten, der schlanken Taille …
»Ich … ich kenn dich …«, murmelte er unsicher. »Du bist … ich hab dich schon mal gesehen, du …«
»Mein Mann war in Wairau«, erklärte Ida und empfand darüber plötzlich Scham. »Mit … mit der Delegation von Captain Wakefield. Doch er hat nicht geschossen. Er kann gar nicht schießen, er …«
»Was soll das, Ida? Selbstverständlich kann ich schießen!«, ereiferte sich Ottfried und lief rot an.
»Aber ich habe natürlich nicht geschossen«, beeilte er sich hinzuzufügen, als ihn sowohl Ida als auch Cat mit Blicken zwischen Vorwurf und Argwohn bedachten. Und
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