Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition)
soll sie Ehrgefühl kennen?«
Cat stieg das Blut ins Gesicht, aber neben der Scham wallte jetzt auch Wut in ihr auf.
»Wenn überhaupt, so müsste sie bald verheiratet werden«, sprang Idas Vater jetzt ein anderer der Dorfhonoratioren bei.
Gerade hatte ihn jemand Brandmann genannt, und die Verwandtschaft mit Ottfried war nicht zu leugnen. In ein paar Jahren würde Ottfried genauso kahl und aufgeschwemmt aussehen … Was hatte die bildhübsche Ida nur dazu bewogen, diesen Mann zu heiraten?
»Ein passender Junggeselle will mir da allerdings zurzeit nicht einfallen. Zumal natürlich auch an die Tugend des jungen Mannes zu denken wäre, der sicher besser dran wäre mit einer wohlerzogenen Jungfrau seines Glaubens.«
Brandmann verzog den Mund, sein Ausdruck dabei ließ Cat an einen Frosch denken, der salbungsvoll quakte. Während die jüngeren Männer dieser Versammlung gar nicht so aussahen, als würden sie eine der schwarzen Krähen aus ihrer Gemeinde bevorzugen! Im Gegenteil, manche blickten unverhohlen lüstern. Der Gedanke, sie stünde womöglich bald dem örtlichen Heiratsmarkt zur Verfügung, regte erkennbar ihre Fantasien an.
»Bist du denn überhaupt getauft, Mädchen?«, mischte sich jetzt wieder Lange ein. »Und in welchem Glauben? Dein Name klingt so seltsam. Wie kann jemand Cat heißen?«
»Sie heißt Katharina!«
Cat schaute sich verblüfft zu den Frauen um, die bei dieser Gemeindeversammlung alle in einem Block zusammenstanden. Zum Teil hielten sie sich Planen zum Schutz gegen den Regen über die Köpfe, der schon zu Beginn der Gebetsversammlung eingesetzt hatte. Wahrscheinlich wären sie lieber in ihre Häuser gegangen, als hier auf dem schlammigen Versammlungsplatz in der Frühherbstkälte auszuharren. Sicher auch ein Grund dafür, dass sie eher unwillig auf Cat blickten. Sie sahen in ihr eine junge Frau, deren Auftauchen sie zum Bleiben zwang und die obendrein die Blicke ihrer Männer auf sich zog. Doch nun bahnte sich eine Sensation an, von der alle Gemeindemitglieder gleichermaßen gefesselt wurden. Männer und Frauen starrten auf Ida, die vorgetreten war. Nur ein paar Schritte von Cat entfernt stand sie mit hochrotem Kopf, die Augen befangen zu Boden gerichtet, vor der Gruppe. Sowohl aus den Reihen der Männer als aus denen der Frauen war unwilliges Raunen zu hören. Offenbar war es nicht üblich, dass eine weibliche Person in diesem Rat die Stimme erhob.
Ida musste sich erkennbar zwingen, aber sie sprach mutig weiter. »Und sie … sie ist natürlich getauft, ihre … ihre erste Pflegemutter war lutherischen Glaubens …«
Cat runzelte die Stirn. Das alles war weitgehend frei erfunden. Sie hatte Linda Hempelmann Ida gegenüber nur kurz erwähnt, ohne auf deren Glauben näher einzugehen. Verwirrt suchte Cat Idas Blick, als diese kurz ängstlich aufschaute, und wusste nicht, ob sie Zorn oder Dankbarkeit empfinden sollte. Sie selbst hätte keine Lügen über ihre Herkunft erzählt. Doch Ida meinte es sicher gut.
»Was ist in dich gefahren, Ida, dass du dich hier einmischst?« Jakob Lange blitzte seine Tochter an und tadelte sie scharf. »Die Frau hat in der Gemeinde zu schweigen!«
Ida spielte mit den Bändern ihrer Haube. Aber dann erhielt sie unerwartete Hilfe.
»Nein, Bruder Lange! So lasst sie doch reden. Da das Mädchen selbst ja offensichtlich kein Wort herausbringt, so sehr haben wir es schon eingeschüchtert«, sagte Pastor Wohlers mit sanfter Stimme. »Sprechen Sie nur frei heraus, Frau Ida, wenn sich Katharina Ihnen anvertraut hat.«
Ida holte tief Luft und warf Cat einen Verzeihung heischenden Blick zu. »Sie weiß nicht, ob diese Deutschen … Sie hießen … hießen …«
»Hempelmann«, flüsterte Cat ergeben.
Sie musste Idas Version ihrer Geschichte jetzt unterstützen, andernfalls würde es schreckliche Folgen für die junge Frau haben. Ida zwinkerte ihr unmerklich zu und sprach ermutigt weiter.
»Ob diese Hempelmanns altlutherischen oder reformierten Glaubens waren, Frau Hempelmann hat jedenfalls mit ihr gebetet, und sie hat ihr aus der Bibel vorgelesen. Sie ist auch nie den … den heidnischen Ritualen der Wilden verfallen. Sie … sie hat mir erzählt, dass sie sich weigerte, ihre Gebete zu sprechen.«
Tatsächlich hatte Cat ihrer neuen Freundin nur einen Rongoa-Busch gezeigt und ihr erklärt, wie man aus seinen Blättern ein Mittel gegen Husten erstellte. Der kleine Franz war schon wieder erkältet. Cat hatte dabei von Te Ronga erzählt und ihren Anrufungen
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