Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher 01 - Der lohfarbene Mann
mir erwarten, dass ich in Bocksburg bleibe. Bei einer Katze? Ich bitte dich! Schlimm genug, dass du nach diesem Vieh stinkst. Ich hätte es nicht ertragen, mit ihm in einem Raum zu sein.
Harm wird sich Sorgen machen.
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er war begeistert, wieder in der Stadt zu sein. Weshalb jemand darüber glücklich sein sollte, verstehe ich allerdings nicht. Krach, Staub, kein nennenswertes Wild und viel zu viele Menschen auf einem Haufen.
Dann bist du mir gefolgt wegen der frischen Landluft? Nicht etwa weil du Angst um mich hattest?
Wenn du mit dem Geruchlosen auf die Jagd gehst, sollte ich dabei sein. Das ist nur vernünftig. Harm ist ein guter Junge, doch er ist nicht der beste Jäger. Es war besser, ihn in dem Menschenbau zu lassen, wo es ihm gefällt.
Aber wir reisen zu Pferde und du, mit Verlaub, bist nicht mehr so flink wie früher und hast auch nicht mehr die Ausdauer eines jungen Wolfs. Ich wüsste dich lieber in Burgstadt, wo du darauf achtest, dass unser Harm keine Dummheiten macht.
Oder du gräbst gleich hier ein Loch und wirfst mich hinein.
»Wie bitte?« Die Bitterkeit seines Gedankens entriss mir den Ausruf. Ich verschluckte mich an meinem Apfelwein.
Kleiner Bruder, behandle mich nicht, als wäre ich bereits tot oder dem Tode nahe. Wenn du mich als Sterbenden siehst, dann will ich lieber gleich begraben sein. Du raubst mir das Jetzt, wenn du ständig fürchtest, dass der nächste Atemzug mein letzter sein könnte. Deine Ängste berühren mich wie eine kalte Hand und berauben mich aller Freude an der Wärme des Tages.
Wie schon lange nicht mehr, öffnete er alle Schranken zwischen uns, und ich erkannte, was ich nicht hatte sehen wollen. Die schleichende Entfremdung zwischen uns ging nicht allein von ihm aus. Zur Hälfte war ich dafür verantwortlich, mein vor mir selbst verborgener Rückzug von ihm, aus Angst, sein Tod könnte für mich unerträglich schmerzvoll sein. Ich war derjenige, der ihn auf Abstand gehalten hatte, der verbarg, was er dachte, aber es war doch so viel von meinen Gefühlen durch die Mauer gedrungen, dass es ihn verletzte. Ich war im Begriff gewesen, mich von ihm zu lösen. Resignation vor der Tatsache seiner Sterblichkeit. Seit dem Tag, als ich ihn dem Rachen des Todes entrissen hatte, war er für mich nie mehr wirklich lebendig gewesen.
Eine Weile saß ich da und fühlte mich klein und schäbig. Ich brauchte es nicht in Worte zu fassen. Die Alte Macht webt ein Band, das Erklärungen überflüssig macht. Meine Abbitte sprach ich laut aus: »Harm ist wirklich alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Von nun an bleiben wir zusammen, komme, was da wolle.«
Ich fühlte sein Einverständnis. Gut. Was ist es für ein Wild, das wir jagen?
Ein Junge und eine Katze. Prinz Pflichtgetreu.
Aha. Der Knabe und die Katze aus deinem Traum. Nun, wenigstens erkennen wir sie, wenn wir sie sehen. Ich fand es ein wenig bestürzend, dass er ganz mühelos diesen Zusammenhang herstellte und wie selbstverständlich akzeptierte, was ich nicht hatte wahrhaben wollen. Wir waren im Bewusstsein dieser beiden zu Gast gewesen und mehr als ein Mal. Ich verschob das Unbehagen, das mich überkommen wollte, auf später.
Aber wie willst du über den Fluss kommen? Und wie mit den Pferden Schritt halten?
Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, kleiner Bruder. Und verrate mich nicht durch Gaffen.
Ich fühlte, dass es ihm Spaß machte, mich im Ungewissen zu lassen, deshalb drang ich nicht weiter in ihn. Nach dem Essen lehnte ich den Rücken gegen den Findling, der mein Tisch gewesen war. Er hatte die Wärme des Tages gespeichert und gab sie jetzt an mich ab. Der Schlafmangel der letzten Tage machte sich bemerkbar; ich fühlte, wie mir die Lider schwer wurden.
Mach ein Schläfchen. Ich passe auf die Pferde auf.
Ich danke dir. Was für eine Erlösung, die Augen schließen und ruhig in Schlaf sinken zu können, ohne mit einem Auge wach bleiben zu müssen. Nachtauge wachte für mich. Die tiefe Verbundenheit zwischen uns war wiederhergestellt, der Bund erneuert, und das bescherte mir tieferen Frieden als ein voller Bauch und Sonnenschein.
Sie kommen.
Ich schlug die Augen auf. Die Pferde grasten friedlich, aber ihr Schatten war lang geworden. Fürst Leuenfarb und Laurel standen am Rain. Ich hob die Hand, um ihnen zu signalisieren, dass ich sie bemerkt hatte, dann stand ich widerwillig auf. Von der unbequemen Lage tat mir der Rücken weh, trotzdem hätte ich liebend gern weitergeschlafen.
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