Diese Dinge geschehen nicht einfach so
der – was Taiwo ärgert und Olu stört – nur dasteht und Ling anschaut). Es entsteht die übliche Mischung aus Unordnung und Entschlossenheit, wie immer bei der Ankunft einer Gruppe. Die eine Hälfte der Leute wird sofort aktiv, schleppt Koffer durch die Gegend, die andere Hälfte guckt hilflos zu, wirkt deplatziert, will helfen und sich nützlich machen, aber gleichzeitig auch den Leuten, die wissen, was zu tun ist, nicht im Weg stehen. Etwas nervöse Energie, während man sich gegenseitig vorstellt, und keiner weiß so recht, was er zu wem sagen soll, man lächelt vage, tritt von einem Fuß auf den anderen, macht beiläufige Bemerkungen.
Wo ist die Toilette
? Und auf einmal der Wunsch, allein zu sein.
Fola umfasst Schultern, schiebt Körper den Flur entlang. »Das ist das Zimmer, in dem ihr zwei Jungs schlaft.« Sie bugsiert Olu und Kehinde durch die Tür und redet weiter: »die Mädchen hier« und schubst Taiwo und Ling. »Das Baby …« sie unterbricht sich. »Sadie ist bei mir. Ich würde vorschlagen, ihr ruht euch alle ein bisschen aus. Essen gibt es um halb sechs.« Irgendwelche Fragen? Keine Fragen. »Gut. Willkommen in Accra.« Sie führt Sadie zu ihrem Schlafzimmer und überlässt dann alle dem Schlaf.
2
Sadie starrt zur holzgetäfelten Decke, allein in ihrem Zimmer, ein Stück den Flur hinunter von den anderen.
»Die blöde Klimaanlage hat heute Morgen den Geist aufgegeben«, sagt Fola und krümmt sich, als wäre ihr übel. Sie redet nicht weiter.
»Ist dir schlecht, Mom?«, fragt Sadie und geht zu ihr, aber Fola steht aufrecht, winkt mit der Hand ab, schüttelt den Kopf. »Das kommt und geht. Geht schon wieder«, lautet ihre kryptische Nicht-Antwort. Sie knipst den Ventilator an, geht aus dem Zimmer, schließt die Tür.
Sadie schaut zu den Ventilatorflügeln im Schatten, wie Fledermäuse an der Decke, aber heiß ist es trotzdem. Durch die dünnen Schlafzimmerwände hört sie Stimmen, sie kann aber kein Wort verstehen, es sind nur leise pulsierende Hintergrundgeräusche. Olu. Vielleicht auch Kehinde. Ein Telefon im Flur. Das hübsche Mädchen, Amelia oder so ähnlich: »Bitte, Madame, Telefon.« Eilige Schritte, dann Folas Stimme, rau, die Wörter unklar. Jemand lacht. Ihre Mutter, merkt sie dann. Aber höher als normal, eine Salve, unecht.
Sadie dreht sich auf die Seite, und in dem Licht, das durch die Lamellen der Fensterläden dringt, sieht sie ein Foto. Undeutlich kann sie Gesichter und Szenerie erkennen und erinnert sich plötzlich, warum ihr Greenpoint so bekannt vorkam: dieses merkwürdige Lagerhaus in der Oak Street in Newton, die berühmte Heimat von Paulettes Ballettstudio. Winter. Die ganze Familie steht, in dicke Mäntel verpackt, dicht nebeneinander auf dem Gehweg davor, der Auftritt ist gerade vorbei. Der Mann-aus-der-Geschichte trägt sie auf den Schultern, sie hat noch ihr Kostüm an, rote Lippen, ein Tutu aus rosarotem Tüll, ihr vier Jahre altes Bäuchlein drückt hemmungslos gegen die rosarote Haut des Trikots, sie lacht. Taiwo und Kehinde tragen beide rote Ohrenschützer und blicken nicht in die Kamera. Folas Blick gilt ihr, Sadie. Olu wirkt erdrückt von einem massiven braunen Mantel. Ein Fremder, irgendein anderer Vater, muss das Bild gemacht haben.
Sadie fragt sich, warum Fola ausgerechnet dieses Foto auf ihrem Nachttisch stehen hat. Der Rahmen hat die falsche Größe, weshalb das Foto verrutscht ist, die Aufnahme ist unscharf, es war irgendeine Weihnachtsaufführung ohne größere Bedeutung. Sie hat das Ballett in der zehnten Klasse im ersten Halbjahr aufgegeben, obwohl sie sehr begabt und noch »engagierter« war. Ohne Illusionen. Sie konnte die große Zehe an die Stirn führen, hatte ihren muskulösen Beinen einen Spagat abverlangt, sich ohne Rücksicht auf ihre Senkfüße in Spitzenschuhe gezwängt, konnte sämtliche Schritte fehlerfrei im Schlaf – aber dann hatte sie im September in einer Reihe an der Stange gestanden, und ihr war die Farbpalette aufgefallen, die Rosa- und Weißtöne, hellbraune Haare, hellbraunes Holz, klare, gerade Linien im Sonnenlicht. Sie hatte sich selbst gesehen, weder lang, noch gerade oder hell, und ihr war plötzlich klar geworden, was mit Engagement gemeint war: Sie konnte sehr gut Ballett tanzen, aber sie war keine Ballerina. (Philae schlug vor, sie soll doch den Kurs in Team Management machen, um die Anforderungen für »Sport nach der Schule« zu erfüllen, und tatsächlich zog sie ein gewisses perverses Vergnügen daraus,
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