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Don Quixote

Don Quixote

Titel: Don Quixote Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Miguel de Cervantes Saavedra
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geschätzt werden müsse. Um in den Wissenschaften groß zu sein, kostet es Zeit, Nachtwachen, Hunger, Blöße, Anstrengung des Kopfes, Verdorbenheit des Magens, nebst andern Dingen, die damit zusammenhängen, die ich zum Teil schon berührt habe; aber um ein guter Soldat zu werden, kostet es alles das, was beim Studierenden in Betracht kommt, und in einem um so viel höheren Grade, daß man es gar nicht in Vergleichung bringen darf, denn in jedem Augenblicke kömmt es darauf an, daß es ihn sein Leben kostet. Und welche Bedrängnis der Armut und Dürftigkeit, die dem Studierenden zusetzen, ist doch mit dem zu vergleichen, was ein Soldat zu fürchten hat, der sich in einer Veste eingeschlossen befindet, auf seinem Posten steht oder ein Ravelin bewacht oder eine Schanze und nun fühlt, daß die Feinde die Gegend bis zu ihm unterminieren und er sich doch durchaus nicht entfernen noch der Gefahr entflie hen darf, die ihn so nahe bedroht? Alles, was er tun kann, ist, daß er seinem Kapitän von dem, was geschieht, Nachricht gibt, damit eine Contremine angelegt werde, indes er in der Erwartung und Furcht dastehen muß, daß er plötzlich in die Wolken ohne Flügel hinaufgeht und zum Abgrunde ohne seinen Willen hinunterstürzt. Und wenn dies nur eine kleine Gefahr zu sein scheint, so betrachte man, ob diejenige ihr gleichkömmt oder sie vielleicht übertrifft, wenn zwei Galeeren mit den Vorderteilen in der Mitte des unendlichen Meeres aufeinanderstoßen; nun sind sie geentert und aneinandergeklammert, und der Soldat ist nur zwei Fuß weit vom Eisenhaken entfernt, und dennoch, ob er gleich vor sich so viele dräuende Diener des Todes gewahr wird, als Kanonen auf der gegenüberstehenden Seite sind, die nur eine Lanzenlänge von seinem Körper entfernt stehen, und er merkt, daß er beim ersten fahrlässigen Tritte die tiefen Fluten des Neptunus besuchen muß, er dennoch, unerschrockenen Herzens, von der Ehre beseelt und angetrieben, sich zum Ziele der mannigfaltigen Geschütze hinstellt, mit dem Vorsatze, auf einem so kleinen Raume in das feindliche Schiff zu dringen; und was am meisten zu bewundern ist, kaum ist einer darniedergestürzt, von wo er nicht bis zum Ende der Welt aufstehen kann, als ein anderer schon die nämliche Stelle einnimmt, und wenn dieser nun auch in das Meer fällt, das wie ein Feind ihn erwartet, so folgt ihm ein anderer, ohne der Zeit in ihren Ermordungen Zeit zu lassen: der höchste Mut und die größte Verwegenheit, die nur in allen Verrichtungen des Krieges zu finden ist. Gesegnet seien die glücklichen Zeitalter, die noch die furchtbare Wut jener verruchten Maschinen der Artillerie nicht kannten, deren Erfinder gewiß in der Hölle die Belohnung für seine teuflische Erfindung erhält, wodurch er Ursache gewesen, daß ein nichtswürdiger und feiger Arm einem tapfern Ritter das Leben rauben kann, daß, ohne zu wissen wie oder woher, im vollen Mut und Feuer, die die tapferen Seelen entzünden und begeistern, eine ungefähre Kugel daherkömmt, von einem abgeschossen, der vielleicht floh und sich vor dem Feuerblitze beim Abschießen des verfluchten Instrumentes entsetzte, und so in einem Augenblicke Gedanken und Leben desjenigen beendigt, der verdient hätte, lange Lebensalter zu genießen. Wenn ich dieses erwäge, so muß ich bekennen, daß es mich in der innersten Seele schmerzt, in diesem gegenwärtigen, höchst verwünschten Zeitalter das Handwerk eines irrenden Ritters ergriffen zu haben, denn ob mir gleich keine Gefahr eine Furcht einjagt, so erregt mir der Gedanke doch immer Verdruß, daß Pulver und Blei mir die Gelegenheit nehmen können, mich durch die Gewalt meines Armes und die Schneide meines Schwertes auf der ganzen entdeckten Erde bekannt und berühmt zu machen. Doch mag alles geschehen, wie es dem Himmel gefällt, denn ich werde um so mehr geehrt sein, wenn ich meinen Vorsatz durchführe, indem mir noch größere Gefahren entgegenkommen, als die irrenden Ritter in den verlaufenen Zeitaltern zu bestehen hatten.«
    Diese ganze lange Vorrede sprach Don Quixote, während die übrigen zu Abend aßen, indes er ganz vergaß, einen Mundvoll in den Mund zu stecken, ob ihm gleich Sancho Pansa etliche Mal daran erinnert hatte, daß er essen möchte, weil er nachher noch Zeit genug habe, alles, was er nur wolle, zu sagen. Diejenigen, die ihm zuhörten, bedauerten es von neuem, daß ein Mann, der in allen übrigen Dingen so gescheit und verständig scheine, alle Vernunft gänzlich verliere, wenn er

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