Don Quixote
auf seine traurige und unglückselige Ritterschaft zu sprechen komme. Der Pfarrer sagte, daß er sehr recht in allem habe, was er zugunsten der Waffen behauptet, und daß er selber, obgleich Gelehrter und Graduierter, derselben Meinung sei.
Man hatte abgegessen, und indes die Wirtin, ihre Tochter und Maritorne die Scheune des Don Quixote von la Mancha einrichteten, wo in der Nacht sich die Frauen allein aufhalten sollten, bat Don Fernando den Gefangenen, den Verlauf seines Lebens zu erzählen, weil dieses nicht anders als seltsam und unterhaltend sein könnte, wie man schon daraus schließen müsse, da er in der Gesellschaft der Zoraida gekommen sei. Worauf der Gefangene antwortete, daß er gern diesem Befehle gehorchen wolle, nur fürchte er, seine Erzählung möchte nicht von der Beschaffenheit sein, daß sie das gewünschte Vergnügen davon haben könnten; dessenungeachtet aber wolle er dem Befehle nicht ungehorsam sein, sondern sie vortragen.
Der Pfarrer und die übrigen dankten ihm deswegen und baten ihn von neuem, und da er so viele Bittende sah, sagte er, daß das Bitten unnötig sei, wenn der Befehl schon so vollgültig wäre. »Und deshalb hört mir aufmerksam zu und vernehmt eine wahre Erzählung, der vielleicht keine erdichtete gleichkommt, wenn sie auch noch so seltsam und kunstreich zusammengesetzt ist.«
Mit diesen Worten erregte er ihre Aufmerksamkeit um so mehr, und alle beobachteten ein großes Stillschweigen, und da er sah, daß sie auf seine Erzählung warteten, fing er mit einer angenehmen und sanften Stimme auf folgende Weise an.
8. [39.] KAPITEL
In welchem der Gefangene sein Leben und seine
Begebenheiten erzählt
»In einem Orte der leonischen Gebirge hat meine Familie ihren Ursprung genommen, gegen welche die Natur sich gütiger gezeigt hatte als das Glück, obgleich in der Armut jener Landschaften mein Vater immer noch für reich galt und es auch gewesen wäre, wenn er sich dieselbe Mühe gegeben hätte, sein Vermögen zu erhalten, als er sich gab, es zu verlieren. Seine zu große Freigebigkeit rührte daher, daß er in seinen jüngeren Jahren Soldat gewesen war: denn der Soldatenstand ist eine Schule, in der der Knicker großmütig und der Großmütige Verschwender wird, und wenn es auch einige geizige Soldaten gibt, so sind sie wie Mißgeburten, die nur selten angetroffen werden.
Mein Vater überschritt aber die Grenzen der Freigebigkeit und streifte in das Gebiet des Verschwendens, welches niemals für einen verheirateten Mann gut ist, der Kinder hat, die seinen Namen und seinen Stand fortpflanzen sollen. Mein Vater hatte drei Kinder, alle drei Jünglinge und alle schon in dem Alter, sich ihre Bestimmung zu erwählen. Da nun mein Vater sah, daß es ihm unmöglich war, wie er sagte, seine Neigung zu bezähmen, so wollte er sich der Mittel berauben, die ihn großmütig und gastfrei machten, das heißt, seines Vermögens, ohne welches selbst ein Alexander sparsam werden muß; daher rief er uns eines Tages alle drei in sein Gemach und hielt uns eine Rede ungefähr mit diesen Worten: ›Kinder, um euch zu sagen, daß ich euch wohlwill, ist es genug, zu sagen, daß ihr meine Kinder seid, und um zu verstehen, daß ich euch übelwill, ist es genug, zu wissen, daß es nicht in meiner Gewalt steht, euer Vermögen gut zu verwalten; damit ihr aber jetzt und in Zukunft einseht, daß ich euch wie ein Vater liebe und nicht wie ein Stiefvater euch schaden mag, will ich etwas mit euch unternehmen, das ich mir schon seit lange ersonnen und reiflich erwogen habe. Ihr seid schon in dem Alter, eine Bestimmung zu haben oder euch wenigstens ein Gewerbe zu erwählen, das euch, wenn ihr älter seid, Ehre und Vorteil bringt; und was ich mir also ausgesonnen habe, ist, mein Vermögen in vier Teile zu teilen, drei davon will ich euch geben, jedem genausoviel als dem andern, und mit dem vierten Teile will ich leben und meine Tage damit fortbringen, die mir der Himmel noch gönnt; ich wünsche aber, daß, wenn ein jeder seinen Teil des Vermögens im Besitze hat, er auch einen von den Wegen betreten möchte, die ich ihm vorschlagen will. Man hat ein spanisches Sprichwort, das mir sehr wahr scheint, wie es denn alle sind, weil sie kurze Sentenzen enthalten, die aus einer langen und verständigen Erfahrung geschöpft sind, und dasjenige, welches ich meine, heißt: ›Kirche oder Meer oder Königshaus wähl!‹, womit man gleichsam hat ausdrücken wollen, wer Ansehen oder Reichtum gewinnen will, der folge entweder
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