Don Quixote
der Kirche oder gehe als Kaufmann zu Schiffe oder suche im Palast des Königs Dienst; denn man pflegt zu sagen: ›Die Brosamen, die der König gibt, sind mehr, als wenn dir ein anderer Brot gibt.‹ Ich sage dieses, weil es mein Wunsch und Wille ist, daß einer von euch sich den Wissenschaften widme, ein zweiter der Handlung und der dritte dem Könige im Kriege diene; denn es ist schwierig, zu Diensten des Palastes zugelassen zu werden, und der Krieg gibt zwar keine großen Schätze, verleiht aber Tapferkeit und Ruhm. In acht Tagen will ich einem jeden von euch seinen Anteil in barem Gelde geben, ohne ihm einen Pfennig zurückzuhalten, wie ihr es in der Ausführung sehen werdet. Jetzt sagt, ob ihr gesonnen seid, den Vorschlag, den ich euch getan habe, anzunehmen.‹ Er verlangte von mir, als dem ältesten, daß ich ihm zuerst antworten sollte; ich bat ihn hierauf, sich seines Vermögens nicht zu entäußern, sondern daß er ausgeben solle, soviel es ihm nur gelüste, wir wären junge Leute und könnten uns selber forthelfen, doch bestand er darauf, nach seinem Gefallen zu handeln, worauf ich das meinige erklärte, den Waffen zu folgen, um Gott und meinem Könige zu dienen. Der zweite sagte das nämliche und nahm sich vor, nach Indien zu gehen und, soviel er habe, dorthin mitzunehmen. Der jüngste, wie ich glaube auch der klügste, sagte, daß er der Kirche folgen wolle oder seine angefangenen Studien zu Salamanca vollenden. Wie wir darüber einig waren und sich jeder seinen künftigen Stand erwählt hatte, umarmte uns mein Vater alle drei und vollbrachte das auch wirklich in derselben kurzen Zeit, wie er gesagt hatte; er gab jedem seinen Teil, und soviel ich mich erinnern kann, fielen auf jeden dreitausend Dukaten in barem Gelde, denn ein Oheim kaufte unser Eigentum an sich und zahlte alles aus, damit es nicht aus der Familie komme; wir nahmen hierauf alle drei an demselben Tage von unserm braven Vater Abschied; doch schien es mir unmenschlich, daß er in seinem Alter mit so geringem Vermögen leben sollte, deshalb bewog ich ihn dahin, daß er von meinen dreitausenden zwei tausend Dukaten annahm, weil mir der Rest hinreichend war, mich mit allem auszurüsten, was ich als Soldat brauchte; meine beiden Brüder, durch mein Beispiel bewogen, gaben ihm jeder tausend Dukaten, so daß meinem Vater viertausend Dukaten in barem Gelde blieben und außerdem noch dreitausend, denn soviel schien ein Gut wert zu sein, welches ihm blieb und welches er nicht verkaufen, sondern als Grund und Boden behalten wollte.
Wir nahmen hierauf, wie gesagt, auch von unserm Oheim Abschied, wir waren sehr gerührt und vergossen häufige Tränen; sie trugen uns auf, ihnen mit jeder Gelegenheit von unserm Glücke oder Unglücke Nachrichten zukommen zu lassen. Wir versprachen es, sie gaben uns ihren Segen, und der eine nahm den Weg nach Salamanca, der andere nach Sevilla und ich den nach Alicante, wo ich erfuhr, daß ein genuesisches Schiff dort liege, welches Wolle nach Genua geladen habe.
Dies geschah vor zweiundzwanzig Jahren, als ich das Haus meines Vaters verließ, und in der ganzen Zeit, ob ich gleich einigemal geschrieben habe, habe ich weder von ihm noch von meinen Brüdern einige Nachricht erhalten, und was mir im Verlauf dieser Zeit begegnet ist, will ich nun kürzlich erzählen.
Ich schiffte mich in Alicante ein und hatte eine glückliche Reise nach Genua; von dort ging ich nach Mailand, wo ich mich mit Waffen und allem, was einem Soldaten nötig ist, versah; von dort hatte ich mir vorgenommen, zu Piemont eine Stelle für mich zu suchen, als ich auf dem Wege nach Alexandria de la Palle erfuhr, daß der große Herzog von Alba nach Flandern gehe. Ich änderte meinen Vorsatz, begab mich zu ihm und diente ihm in seinen Feldzügen; ich war bei dem Tode der Grafen Egmont und Horn zugegen. Ich wurde Fähnrich bei einem berühmten Kapitän von Guadalaxara, der Diego de Urbina hieß, und nachdem ich eine geraume Zeit in Flandern gewesen war, erfuhr ich von dem Bündnisse, welches der Heilige Vater Pius der Fünfte mit Venedig und Spanien gegen den gemeinsamen Feind, den Türken, geschlossen hatte, der um die Zeit mit seiner Flotte die berühmte Insel Zypern erobert hatte, die unter der Herrschaft der Venetianer stand: ein bedauernswürdiger und unglücklicher Verlust! Ich hörte als eine Gewißheit, daß der General dieses Bündnisses der durchlauchtige Don Juan de Austria sei, der natürliche Bruder unsers edlen Königs Don Philipp; man
Weitere Kostenlose Bücher