Drachenspeise: 1 (Ein Märchen für große Mädchen) (German Edition)
Janica an der mit Honig gesüßten Milch, die Kana-Tu ihr in einer kleinen Schale vor die Nase gestellt hatte. Nach ihrem Fluchtversuch in der vergangenen Nacht fühlte sie sich wie zerschlagen. Die kleinen Schürfwunden, die sie bei ihrer unfreiwilligen Reise im Drachenmaul davongetragen hatte, kribbelten und spannten. Verstohlen musterte sie den jungen Mann, der sie nicht zu beachten schien, sondern irgendwelche Kleidungsstücke in einen groben Sack stopfte. Kana-Tu trug wieder diese unscheinbaren weiten Bauernkleider, die Janica jetzt dermaßen unpassend an ihm fand, dass sie ihm die unförmige Hose und den Kittel am liebsten höchstpersönlich vom Leib gerissen hätte. Aber solcherlei Tätigkeiten gehörten sich nicht für eine Prinzessin, schon allein der Gedanke war ein Frevel an sich. Janica schloss für einen Moment ihre Augen, um sich das Bild von Kana-Tus fast nacktem Körper aus der vergangenen Nacht ins Gedächtnis zurückzurufen. Warum versteckte sich dieser schöne Mann in einem Drachennest? Er hätte sich schon längst eine Frau nehmen können, anstatt hier bei diesem schrulligen Onkel, der angeblich ein Drache war – bei diesem Gedanken huschte ein ungläubiges Lächeln über ihr Gesicht – zu hocken. Janica hatte noch nie gehört, dass sich ein Mensch in ein anderes Wesen verwandeln konnte. Vielleicht hatte sie wieder einmal etwas falsch verstanden. Vielleicht hatte der Onkel Kajim den Drachen ja doch nur gezähmt und hielt ihn sich wie ein anderer sich einen Hund hielt..
Sie angelte nach einer Schüssel, die mit einer fragwürdigen braunen Masse gefüllt war und schob ihren Löffel hinein. Vorsichtig kostete sie den Brei, nur um ihn gleich wieder auszuspucken.
»Bäh, was ist denn das?« Angewidert starrte sie die Pampe auf ihrem Löffel an. Kana-Tu grinste.
»Ich hatte dir doch gesagt, dass mein Onkel Vegetarier ist! Außerdem hat er einen merkwürdigen Geschmack. Das ist geröstete Gerste, zwei Tage in lauwarmen Wasser aufgequollen und dann gekocht. Mein Onkel isst das Zeug am liebsten mit Butter und Salz. Soll ich dir die Butter holen?«
»Bloß nicht!« Janica schob Kajims Breischüssel weit von sich und hielt sich wieder an ihre Milch. Die schmeckte wenigstens gut und enthielt keine merkwürdigen Zutaten. Hoffte sie wenigstens. Janica fühlte sich entsetzlich müde, das konnte nicht nur an der umtriebigen letzten Nacht liegen. Sie gähnte und versuchte, ihren Blick auf Kana-Tu zu konzentrieren.
»Wasch ... watz ... was hast du in die Milch gerührt?«, stammelte sie. Er grinste noch breiter.
»Ma Che, ich glaube, du bist noch nicht bereit für einen weiteren Drachenritt bei vollem Bewusstsein. Es ist nur ein ganz harmloses Schlafmittel!«
»Schaflittel!«, kicherte Janica und legte ihren Kopf auf den Tisch. Der Löffel mit dem ausgespuckten Brei fiel zu Boden.
»Und ich darf das alles wieder saubermachen!«, seufzte Kana-Tu und packte die Prinzessin unter den Achseln. Janica klappte ein Auge auf und kicherte wieder.
»Du kitschelst ... kitzelst mich!«
Kana-Tu beugte sich zu ihr nieder und hauchte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.
»Wenn du wüsstest, was ich zu gern mit dir machen würde, Ma Che! Nicht nur Kitzeln! Aber das ist uns nun mal nicht bestimmt, ich bin der Brudersohn des Drachen, du bist das Drachenopfer, so einfach ist das!«
Er zog sie auf die Beine, und im Halbschlaf ließ sich Janica, von dem jungen Mann gestützt, widerstandslos nach draußen führen. Draußen, das war die Drachenhöhle, und wenn Janica bei vollem Bewusstsein gewesen wäre, hätte sie den Drachen erneut in all seiner Hässlichkeit bewundern können. Das mächtige Untier lag lang ausgestreckt vor der Höhlenöffnung, hatte seinen Kopf auf die Vorderpranken gebettet und blinzelte Kana-Tu gelangweilt zu.
Janica taumelte mit geschlossenen Augen in Kana-Tus Arm auf eine Art Kiste zu. Er hob sie kurzerhand hoch und legte sie auf die weichen Polster. Janica seufzte ein wenig und kuschelte sich auf die Kissen. Kana-Tu strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schnallte ihren Körper mit den bereitliegenden Gurten in der Kiste fest.
»Ja, ich weiß, Onkel Kajim!«, meinte er zu dem Drachen, der seinen Kopf ein winziges Stück angehoben hatte. »Ich kann sie nicht behalten, sie ist nur ein gewöhnlicher Mensch, und sie würde nie verstehen, was es mit uns auf sich hat, und wir haben ja leidvoll erfahren, wohin das führt, wenn ein Drache eine Menschenfrau liebt, und wir brauchen das
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