Drachenspeise: 1 (Ein Märchen für große Mädchen) (German Edition)
sie trotzig, als sie ihn gewahr wurde.
»Ein sehr ansehnlicher Frosch!« Er trat auf sie zu. Wie schön Janica war! Wer auch immer sie bald besitzen durfte, konnte den Göttern danken für diese Gnade! Kana-Tu widerstand nur schwer der Versuchung, die junge Frau in die Arme zu schließen und zu küssen. Er griff nach ihrer Hand und legte sie auf seinen Unterarm.
»Komm, Ma Che, ich möchte dich in das Speisezimmer führen! Der Onkel und der Ehrwürdige Händler warten schon auf uns!«
Janica verspürte keine sonderliche Lust, diesen ominösen Händler kennenzulernen, dennoch ließ sie sich widerstandslos an den üppigen Blumenrabatten und dem Gartenteich vorbeiführen. Sie erhaschte einen Blick auf die rötlich glänzenden Schuppen der Fische in dem Wasserbecken. Offenbar gedieh im Wasserland alles prächtig, selbst die Fische waren hier aus Gold.
Das Speisezimmer entpuppte sich als geräumiger Saal, in dem sich die kleine, für vier Personen eingedeckte Tafel regelrecht verlor. Vor den weit geöffneten bodentiefen Fenstern bewegten sich Tüllschleier in der warmen Luft. Zwei Männer wandten sich den Ankömmlingen zu. Janica hätte Kana-Tus Onkel beinahe nicht wiedererkannt. Kajims Gesicht war glatt rasiert, auf seinem Schädel thronte eine mit Goldfäden durchwirkte Kappe, gekleidet war er ähnlich seinem Neffen. Würdevoll nickte er Janica zu.
»Meine Liebe, darf ich dir Hanad Gur Hanadem vorstellen? Er ist der vom Sultan eingesetzte Ehrwürdige Händler, das heißt, nur er allein hat in ganz Wasserland die Erlaubnis, mit Sklaven zu handeln.«
Der Händler war ein kleiner fetter Mann, der zudem auch noch eine Pluderhose und ein im Gürtel gerafftes Hemd trug. Er sah aus wie eine Kugel. Janica dachte nicht im Traum daran, diesen Menschenhändler auf irgendeine Art zu begrüßen. Schweigend betrachtete sie ihn von oben herab, was keine Kunst war, denn sie war beinahe zwei Köpfe größer. Dass es mit ihrer Contenance nicht weit her war, bemerkte nur Kana-Tu, denn die Prinzessin krallte ihre Fingernägel schmerzhaft in seinen Arm.
»Ma Che, bitte nimm’ Platz!«, sagte er leise und distanziert höflich. Er rückte ihr einen Stuhl zurecht. Obwohl das Seidengewand herrlich bequem war und sie nicht behinderte wie die gewohnten Röcke, setzte sie sich auf die vordere Stuhlkante. Die drei Männer ließen sich ebenfalls nieder, und Kajim klatschte in die Hände.
Wie aus dem Nichts eilte eine junge Frau herbei, stellte eine große Platte voller Früchte und gebratener Fleischstücke auf den Tisch und huschte wieder davon.
»Wir wollen einen kleinen Imbiss einnehmen, bevor wir zum Geschäftlichen übergehen!« Kajim hob seinen Becher und trank dem Ehrwürdigen Händler zu. Hanad Gur Hanadem ließ sich nicht lange bitten und griff nach einem großen Stück Fleisch. Angewidert musste Janica mit ansehen, wie er genussvoll hineinbiss und das Fett aus seinen Mundwinkeln triefte. Kajim spießte mit dem Messer eine dunkelrote Frucht auf und zerteilte sie auf seinem Teller.
»Du solltest etwas essen!« Kana-Tu legte ihr eine Scheibe Fleisch vor. »Es ist von einem Salzrind, eine ganz zarte Delikatesse. Diese Tiere leben im flachen Wasser vor der Küste und können hervorragend schwimmen und tauchen. Sie weiden die unterseeischen Algenwiesen ab.«
Janica war der Meinung, keinen Bissen hinunterzubekommen, aber das Fleisch duftete verführerisch. Ihr Magen ließ grummelnd verlauten, dass ihm ein Stück von dieser Speise sehr willkommen wäre. Das Frühstück in der Drachenhöhle war ja auch nicht gerade üppig gewesen. Janica warf einen schnellen Blick zu Kana-Tu, ob er das Geräusch aus ihrem Bauch vernommen hatte, das wäre ihr peinlich gewesen. Der junge Mann verzog keine Miene und hantierte auf seinem Teller. Janica nahm das Messer, das neben ihrem Gedeck lag und betrachtete es nachdenklich. Und wenn sie dieses Teil dem Ehrwürdigen Händler in den Wanst rammen würde? Dann könnte dem Mann vielleicht die Lust vergehen, sie käuflich zu erwerben und Kajim müsste sie wieder mit in die Drachenhöhle nehmen. Abschätzend betrachtete sie das Messer und den Leib Hanads.
Plötzlich spürte sie Kana-Tus Hand auf ihrem Oberschenkel. »Vergiss es!«, raunte er ihr zu. »Mit diesem Messerchen ritzt du nur seine Fettschicht an, weiter nichts!«
Seufzend schnitt sich Janica ein kleines Stück von dem Fleisch auf ihrem Teller ab. Es mundete ihr tatsächlich. Ehe sie sich versah, hatte sie aufgegessen. Kana-Tu hatte ja auch
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