Ein Engel an Güte (German Edition)
lassen...! Besser so! Morgen entledigen wir uns des Lebens, dieser lästigen Bürde, und der Liebe gleich mit, die offenbar eine zu hohe Anforderung ist für meine schwachen Kräfte.»
Bestürmt von solch düsteren Gedanken ging Celio in Mestre an Land, mit glühenden Augen, leichenblassem Gesicht, unruhig an allen Gliedern und im Kopf wirrer denn je, gefestigt nur in dem Entschluss, sich dorthin zu begeben, wo die größte Lebensgefahr samt der baldigen und dauerhaften Lösung seiner Zweifel und Ängste lockte. Er schickte die Gondel zurück, bestieg ein Reitpferd, das seit dem Vortag im Stall des«Weißen Löwen»für ihn bereitstand, und ritt mit verhängtem Zügel in Richtung Noale. Als er in der Dämmerung dort ankam, stieg er am äußersten Rand der Ortschaft ab, wo in einem Dickicht aus Maulbeerbäumen und Rebstöcken eine kleine Hütte verborgen lag. Er ging um die armselige Behausung herum, die nach örtlichem Brauch aus Lehm und Stroh erbaut war, spähte in alle schattigen Winkel ringsum und suchte nach dem Pferdestall; doch schien nicht zu finden zu sein, wonach er suchte. Wohl stand da ein Pferd, wie sein eigenes von sehr schlankem Wuchs, das, erstaunt, sich in diesem feuchten und schmucklosen Gemäuer eingeschlossen zu sehen, verächtlich in die Futterraufe schnob; doch hielt Celio sich dabei nicht auf und setzte seine Erkundungen fort. In der Küche stieß er endlich auf das einzige vernunftbegabte Wesen, eine schlafende alte Frau. Doch wenn man diese der Erscheinung nach, welche die Natur ihr verliehen hatte, auch für vernunftbegabt hätte halten sollen, so war sie es doch in Wirklichkeit nicht; durch Tücke oder Gnade der allen gemeinsamen Stiefmutter war ihr nämlich der erbärmlichere Teil davon genommen, das, was wir Erkenntnisvermögen nennen, dadurch aber zugleich auch die Empfindung für das tiefe Elend, das in dieser Hütte herrschte, gemindert. Als Celio sie weckte, schien sie zuerst zu erschrecken, sich dann aber über seine Anwesenheit zu freuen. Doch auf seine drängenden Fragen bekam er als Antwort nur ein Salve regina , das die Alte mit so vielen Fehlern herunterleierte, wie ein italienischer Mund sie in einem lateinischen Gebet nur unterzubringen vermag. Ärgerlich über diese Unterhaltung stieß Celio einen Fluch aus und trat aus der Hütte, nahm dem Pferd, von dem er abgestiegen war, das Zaumzeug ab, holte das andere aus dem Stall, ohne sich die Mühe zu machen, das eigene hineinzuführen, legte ihm das Zaumzeug an, saß auf und nahm seinen aberwitzigen Ritt nach Asolo wieder auf. Bei seiner Villa angekommen, die dort gleich am Ortsrand auf halber Höhe lag, ließ er die Zügel los, saß mit einem Satz ab, und nachdem er das Tier, das ganz weiß war vor Schaum, zwei oder drei Bauern übergeben hatte, die auf das Hufegeklapper hin herausgekommen waren, stieg er zur Eingangstür hinauf, die er mit einem Schlüssel öffnete. Drinnen zündete er eine Lampe an, und nachdem er sich eiligst in Jagdmontur geworfen hatte, eilte er, ein Gewehr über der Schulter und ein Messer im Gürtel, durch einen Hinterhof wieder hinaus und erreichte, den Ort in weitem Bogen umgehend, auf verschiedenen, schwer passierbaren Wegen die Villa in Fonte. Auch dort erschien es ihm nicht ratsam, offen sichtbar einzutreten, weshalb er dicht an der Einfassungsmauer entlangging und durch eine halb hinter Brennnesseln verborgene Pforte trat und im Inneren unter einen Säulengang kam. Von dort gelangte er durch die Stallungen in einen dunklen Korridor und zu einer Treppe, die er sehr gut zu kennen schien, eilte sodann durch ein Gewirr von Korridoren und Zimmern, und so stand er schließlich im Vorzimmer des Grafen.«Marco», sagte er hier zu einem Mann, halb Majordomus, halb Sbirrenführer, der auf einem Lehnstuhl lümmelte,«ist der Herr zu Hause?»
Der Kerl richtete sich zu seiner vollen Größe von gut sechs Fuß auf, dann hob er wortlos die Portiere und öffnete die Tür zu einem Kabinett, das weniger sparsam beleuchtet war als das Vorzimmer. Celio stellte das Gewehr in einer Ecke ab und betrat den Raum; dort saß, über einen mächtigen Schreibtisch gebeugt, der überladen war mit Papieren und allem möglichen Kram, der Graf.
Der war ein unbedeutender und ehrgeiziger Mensch; und zwar so ehrgeizig, dass man ihm dieses Hauptlaster vom Gesicht ablesen konnte, trotz der Vorsicht, womit er seine vielen anderen und keineswegs geringfügigen Laster verbarg. Er mochte um die fünfzigjahre alt sein, und die fleischigen
Weitere Kostenlose Bücher