Ein Land, das Himmel heißt
gefährlich.
Sie erzählte Martin von der Gang und deutete auf die Baumgruppe. »Jeder von uns fünfen hat damals eine der Fruchtperlen gepflanzt. Sind es nicht prächtige Bäume geworden?«, fragte sie und versank für Augenblicke in der Vergangenheit. Aber das war vor vielen Jahren gewesen, lag so weit zurück, dass die Zeit die Erinnerung wie Nebel verhüllte und die Konturen verwischte. Was blieb, war ein süßer Duft, ein zwitscherndes Lachen, das im Wind verwehte, wie von einem Schwarm kleiner Vögel, der durch die Luft gewirbelt wird.
Und ein Ziehen im Herzen, dachte sie, denn damals waren wir noch unschuldig.
Sie steckte die korallenroten Perlen in ihre Hosentasche. Mit einem Seufzer sprang sie von der Mauer. »Es geht mir etwas besser, aber jetzt muss ich zurück ins Haus, Mama wird mich brauchen. Außerdem muss ich die Anrufe erledigen. Geh du schon hinüber, Nelly wird das Frühstück zubereitet haben.« Sie telefonierte von ihrem Schlafzimmer aus. Die Nummer von Angelica kannte sie auswendig. Angelica gehörte seit ihren frühesten Kindertagen zu ihrem Leben, dachte wie sie, kannte sie genau. Thomas und sie verstanden sich so gut, dass Jill eine Zeit lang gehofft hatte, Angelica zur Schwägerin zu bekommen. Aber sie hatte Alastair Farrington geheiratet, einen sturen, liebenswerten Schotten. Jetzt hatte sie einen acht Monate alten Sohn, drei Hunde, mehrere Katzen und führte ein chaotisches, gastfreundliches Haus.
Thandi sollte sie vom Tod Tommys schreiben, fiel ihr ein, während sie wählte, sie hatte ebenfalls ein Recht, es zu wissen. Vielleicht konnte sie auch Popi benachrichtigen. Thandi, die groß und schön war wie eine nubische Göttin und ebenso goldbraun wie ihr Zwillingsbruder, nicht so dunkel wie Ben und Nelly. Mit siebzehn hatte sie das Land verlassen, verdiente sich in London als Model ihr Medizinstudium. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen war das Zugpferd für viele hochklassige Produkte. Erst kürzlich hatte Jill in der
Vogue
geblättert und plötzlich in Thandis merkwürdig helle Augen geblickt. Ihre Farbe war schwer zu beschreiben, ähnelte am ehesten dem durchsichtigen Graugrün des Meeres unter einem stürmischen Himmel. Anfänglich hatten sie sich gelegentlich geschrieben, aber das war längst eingeschlafen. Thandi war prominent, wurde von reichen Männern umschwärmt, jettete ständig um die Welt, und dabei hatte sie sich irgendwo selbst verloren. Jill und sie hatten sich nichts mehr zu sagen.
Angelica meldete sich, und Jill erzählte ihr, was passiert war.
Ein Zischen, so als hätte Angelica sich wehgetan, dann unartikuliertes Stammeln, bis Jill endlich einzelne Worte verstand. »… glaub das nicht … totaler Quatsch … doch nicht Tommy.«
Jill saß auf einem Hocker, den Rücken an die Wand gelehnt, zwirbelte die Telefonschnur. »Ich hab auch erst an eine Verwechslung geglaubt, aber sie haben uns ein Bild gezeigt. Er hatte kein Gesicht und keine Arme mehr …«, sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fassen, »… das Adressenetikett von dem Paket klebte noch in seinem offenen Brustkorb, aber seine Füße waren unverletzt. Es war Tommy. Daddy hat ihn heute Morgen in der Pathologie identifiziert. Du weißt, dass er wie ich Narben unter den kleinen Zehen hat, wo kurz nach der Geburt jeweils ein winziger sechster Zeh abgeknipst worden ist.«
»Mein Gott«, flüsterte Angelica, »was ist nur passiert? Ich hab nichts davon gewusst. Hat er dir irgendetwas erzählt?«
»Nein, natürlich nicht, ich hätte versucht, ihn zurückzuhalten.«
»Deswegen hat er wohl auch nichts gesagt. Typisch.«
Sie schwiegen. Es knisterte und rauschte leise in der Leitung, Jill hörte entferntes Hundegebell und Kinderlachen. Das musste der kleine Patrick sein. »Wie geht es deinem Kleinen?«
»Er ist zum Auffressen süß …«
Sie schwiegen wieder. Jill spürte plötzlich wieder das Schmetterlingsflattern unten rechts. Abgelenkt horchte sie in sich hinein. »Ich muss dich etwas fragen«, begann sie impulsiv, »wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass Patrick sich bewegte?«
Beredtes Schweigen war die Antwort. »Was?«, rief Angelica endlich aus. Alles schwang in diesem einen Wort mit. Freude, Neugier, Erstaunen. »Was sagt Martin dazu?«, fragte sie.
Jill lachte verlegen. »Er weiß es noch nicht, ich wollte es ihm gestern sagen, bevor … bevor …« Sie verstummte. Der Kloß im Hals schwoll wieder an. »Du weißt schon«, flüsterte sie.
»Sechzehnte, siebzehnte
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