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Ein verzauberter Sommer: Roman (German Edition)

Ein verzauberter Sommer: Roman (German Edition)

Titel: Ein verzauberter Sommer: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Juliet Hall
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der Villa, in dem sie lebten. Er hatte es vor neun Jahren, als er nach Sizilien gekommen war, gebaut. Damals war Flavia noch ein Kind gewesen und der Krieg noch weit fort. Niemand hätte damals an so etwas gedacht. Heute war Palermo – wie manche Leute behaupteten, die am häufigsten eroberte Stadt der Welt – sowohl von Deutschen als auch Amerikanern besetzt. Es war »erobert« worden, und doch hieß es seine Besatzer mit offenen Armen und Prostitution im großen Stil willkommen. So hatte Flavia es gehört, aber sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie war sich nicht einmal sicher, auf welcher Seite sie standen.
    Wieder schob sie sich das Haar aus der Stirn und dachte zu spät daran, dass sie zerquetschtes Fruchtfleisch und grüne Flecken an den Händen hatte. Aber was machte es schon, wenn sie Flecken im Gesicht hatte? Wer würde sie schon sehen?
    Flavias Familie kümmerte sich um die Villa Sirena, um das Land drumherum und auch um Signor Westerman. So ging das schon seit 1935, als Edward Westerman mit erst einundzwanzig Jahren und, wie Papa es ausdrückte, noch grün hinter den Ohren und im Besitz einer beachtlichen Erbschaft aufgetaucht war und ihren Vater angestellt hatte, damit dieser ihm beim Bau der Villa half. Papa war sehr dankbar für die Arbeit gewesen, das wiederholte er oft, und Signor Westerman war zwar noch jung, aber ein guter Arbeitgeber. So gut, dass sich Flavias Mutter um die Stelle als Köchin und Haushälterin beworben und sie auch bekommen hatte. Gleichzeitig stellte er Papa, der nichts gehabt hatte (»rein gar nichts, mein Kind«), bevor Signor Westerman gekommen war, in Vollzeit als Hausmeister an. Seine Kinder hätten, wie Papa immer erzählte, »ohne die Freundlichkeit des Inglese Dreck gegessen« wie so viele andere im Dorf und hätten wie sie auf den Straßen sterben können. »Gelobt sei die Jungfrau Maria!« Flavia hatte es so oft gehört: »Er hat uns gerettet. Er hat uns nicht verhungern lassen.«
    Sie bemerkte, dass Maria fast das Ende ihrer Reihe erreicht hatte.
    »Mach schon, Flavia. Du bist zu langsam!«, schrie sie.
    Also, was war da los gewesen? Warum die Lichter, der Lärm? Sie wusste es nicht – noch nicht. Aber da war eindeutig etwas im Busch; ihr Verdacht hatte sich bestätigt. Papa hatte sich früh am Morgen mit den anderen Männern aus dem Dorf in der Bar Piccolo an der piazza getroffen, und sie hatten diskutiert. Flavia hatte die ernsten Mienen, das Kopfschütteln, den besorgten Flüsterton und die großen Mengen an Espresso, die sie tranken, bemerkt.
    Flavia hatte sich Ewigkeiten vor der Bar herumgedrückt, aber nichts herausbekommen. Allerdings vermutete sie, dass die Aufregung mit dem Krieg zu tun hatte. Alles hatte mit dem Krieg zu tun. Obwohl sie nichts von ihm hatten, wie Papa sagte. Er nahm ihnen nur ihre jungen Männer. Flavia seufzte. Das bedeutete noch weniger Auswahl für sie.
    Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die straffe, gespannte Haut einer Tomate. Die Frucht hatte so viel Sonne aufgesogen, dass sie geradezu schwanger damit zu sein schien. Wegen des Krieges war auch Signor Westerman nicht mehr da. Es war nach allgemeiner Meinung zu gefährlich, in Sizilien zu bleiben; die Zeiten waren turbulent. Wer konnte schon vorhersehen, was Hitler und Mussolini anstellen würden? Wer konnte sagen, was als Nächstes passieren würde? Und wer wusste schon, wer schlimmer war – die Faschisten oder die Nazis? Rasch bekreuzigte Flavia sich.
    Der Signor war nach England zurückgekehrt, bis der Krieg vorüber war. Aber wer wusste schon, wann das sein würde? Wer wusste, wann er zurückkehren konnte, um seine schöne Villa, sein Land und seine Olivenhaine wieder in Besitz zu nehmen?
    Und unterdessen … Flavia beobachtete die rhythmischen, geschmeidigen Bewegungen ihrer Schwester: bücken, pflücken, bücken, pflücken … Mit einem Mal erkannte sie, dass Maria zufrieden war. Das verblüffte und frustrierte sie zugleich. Wie konnte sie in diesen schlechten, unsicheren Zeiten zufrieden sein? Wie konnte sie zufrieden sein, während Leonardo Gott weiß wo steckte und ihre Familie kein Einkommen hatte, solange Signor Westerman fort war, und vielleicht auch keine Zukunft? Solange sie jeden Moment sterben konnten, Opfer eines sinnlosen Kriegs, an dem sie kein Interesse hatten? War ihre Schwester verrückt?
    Sie sah jedenfalls nicht verrückt aus, sondern eher so, als wisse sie etwas, was Flavia nicht wusste. Flavia seufzte. Vielleicht machte der Umstand, dass ihre

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