Eine begehrenswerte Lady
Halbstiefelchen, die sie ganz vergessen hatte, stand auf dem Boden.
Lächelnd blickte Nan von ihrer Arbeit auf und sagte:
»Ich weiß nicht, wer diese Kiste gepackt hat, aber ich fürchte, das meiste davon sollte den Armen im Dorf gespendet werden.«
Gillian sah zu, wie Nan einen alten gelben Sonnenschirm hervorzog und ein schwarzes Seidenretikül mit einem langen Riss auf der einen Seite.
»Und manches ist nicht einmal dafür zu gebrauchen«, bemerkte sie.
»Stimmt«, sagte Sophia und seufzte.
Es war eine große Truhe, und während sie ein paar Sachen fanden, bei denen es sich lohnen mochte, sie aufzuheben, landete das meiste auf dem Haufen für die Pfarrei, um Notleidenden zu helfen.
Während Gillian und Sophia die verschiedenen Sachen zusammenlegten und auf dem Sofa stapelten, stieß Nan immer tiefer in die Truhe vor.
»Ah, hier haben wir es«, rief sie, »das letzte Stück.« Tadelnd fügte sie hinzu: »Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie es hier landen konnte. Es hätte zu all Ihren anderen Kleidern geräumt werden müssen.«
Gillian sah zu Nan, und alle Farbe wich ihr aus dem Gesicht. Wie erstarrt hing ihr Blick an Nan, während die das Abendkleid aus bernsteinfarbener Seide ausschüttelte, das sie an dem Abend der Dinnergesellschaft des Duke of Welbourne getragen hatte, und die Brosche mit den Topasen und Diamanten war immer noch vorn am Ausschnitt befestigt. Erst Canfield und jetzt das, überlegte sie mit einem Gefühl der Übelkeit. Würde es ihr je gelingen, der Erinnerung an diese schreckliche Nacht zu entkommen?
Kapitel 12
Gillian musste ein Geräusch gemacht haben, weil Sophia sie anschaute. Als sie ihr Entsetzen sah und ihre Abscheu, kam sie zu ihr gelaufen.
Mit einer Hand auf Gillians Arm erkundigte sie sich:
»Was ist denn, meine Liebe? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen – oder etwas Schlimmeres.«
Gillian nickte zu Nan und sagte bitter:
»Etwas Schlimmeres – sieh mal, was Nan da hat.«
Zwischen den Cousinen gab es keine Geheimnisse, und während Nan nicht in das eingeweiht war, was in jener Nacht, in der Charles den Tod gefunden hatte, zwischen Gillian und Lord Winthrop vorgefallen war, war das Sophia natürlich schon. Sie blickte hin, und als sie die bernsteinfarbene Seide in Nans Händen sah, murmelte sie:
»Oje, ich dachte, das sei schon vor Jahren weggegeben worden.«
Verwundert von Gillians Reaktion auf das Kleid und Sophias Bemerkung, fragte Nan:
»Aber warum denn so ein schönes und teures Kleid einfach weggeben?« Rechtfertigend fügte sie hinzu: »Ich weiß, Sie haben mir in jener grässlichen Nacht gesagt, ich solle alles dalassen, aber ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden. Ich habe Ihre Sachen gepackt und sie mit nach Hause genommen.« Als Gillian das Kleid weiterhin voller Abscheu anstarrte, sagte Nan: »Nun gut, ich werde dafür sorgen, dass es weggegeben wird, aber was ist mit der Brosche? Die wollen Sie doch gewiss behalten, oder?«
Gillian öffnete den Mund, um Nan zu sagen, sie solle damit verfahren, wie ihr beliebte, aber dann fiel ihr etwas ein. Sie ging durchs Zimmer und betrachtete die Brosche. Zwar wollte sie das Kleid nie wiedersehen, aber für die Brosche galt das nicht. Sie hing zwar mit den furchtbaren Ereignissen jener Nacht zusammen, aber der Anblick jagte ihr keinen Schauer über den Rücken. Sie betrachtete das Schmuckstück als Warnung – als Symbol, einem charmanten Mann nicht zu trauen, selbst wenn er Geschenke brachte. Während sie die Brosche anschaute, erkannte sie, dass sie ihr als Mahnung dienen konnte, wie niederträchtig Männer sein konnten. Jedes Mal, wenn sie dieses glitzernde Schmuckstück aus Topas und Diamanten sah, würde es sie daran erinnern, keinem verlockenden Lächeln und keinem hübschen Gesicht zu trauen.
Lucs schmale dunkle Züge tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Sie betastete die Brosche und musste über sich selbst lachen. Glaubte sie wirklich, ein Schmuckstück würde sie vor seiner Anziehungskraft beschützen? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht …
»Die Brosche heben wir auf«, bestimmte sie. »Bitte leg sie in meine Schmuckschatulle. Aber das Kleid – vermutlich ist Verbrennen am besten, aber mir ist es eigentlich egal.«
Nan entfernte die Brosche von dem Kleid und sagte:
»Sehr wohl, Madame.« Sie blickte zweifelnd auf das Seidenkleid. »Das ist kein Kleidungsstück, mit dem eines der Hausmädchen etwas anfangen könnte. Ich schicke es mit allem anderen ins
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