Eismord
um Ehrfurcht einflößende Dokumente ging, waren die nicht zu schlagen. Auf so kurze Distanz sah er Divyris’ Ähnlichkeit mit Irena. Er hatte die gleichen tiefliegenden Augen, die gleichen breiten Wangenknochen, und Cardinal fragte sich, ob seine Schwester genauso arrogant gewesen war.
»Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten«, sagte er. »Sie müssen mich anklagen.«
»Sie sind des Betrugs angeklagt.«
Divyris schnaubte verächtlich. »Kreditkarten. Ich dachte, Sie untersuchen den Mord an meiner Schwester, aber nein, großer Detective macht sich Sorgen um Kreditkarte. Das ist nichts.«
»Für den Augenblick ist es genug.« Cardinal blätterte sein Notizbuch zurück. »Sie haben mal eine Pelzfarm in der Nähe von Kiew besessen, richtig?«
Divyris starrte ihn an. »Lange her. Und?«
»Es lief ganz gut, bis vor, warten Sie, vor fünf Jahren. Was ist da passiert?«
»Marktprobleme. Plötzlich kauft niemand Pelze. Niemand in Russland.«
»Aber einigen Leuten ging es recht gut. Zum Beispiel Lev Bastov.«
»Lev Bastov? Ist ein Niemand.«
»Vielleicht täusche ich mich ja, aber Lev Bastov scheinen mehrere Pelzfarmen in Russland gehört zu haben, außerdem war er Eigentümer oder Hauptaktionär einer ganzen Reihe von Pelzfabriken in Russland, China, den USA und Kanada. Er verkaufte Pelze, kaufte Pelze, stellte Mäntel, Hüte und wer weiß was noch her und verkaufte sie. Ist das etwa nichts?«
»Wen interessiert das? Ist seine Sache.«
»Kurz bevor der Pelzmarkt richtig abstürzte, stieß er seine Fabrik in Russland ab und kaufte gleichzeitig zwei neue Fabriken in China. Das passierte genau ein Jahr, bevor er Ihre Schwester heiratete.«
»Vielleicht ist Ihnen nicht aufgefallen, weil zu beschäftigt damit, Kreditkarten zu jagen – manche Leute haben Glück. Andere? Kein Glück.«
»Was uns zu Ihrer eigenen Pelzfarm bringt.« Cardinal nahm seine Notizen zu Hilfe. »Ein blühendes Geschäft, als Sie es übernahmen, ein Desaster, als Sie es – nur zwei Jahre später, vermutlich für einen Apfel und ein Ei – verkauften. Schon wieder, kurz bevor Lev Bastov ganz groß rauskam.«
»Haben Sie das aus dem Internet? Internet ist immer falsch.«
»Wir haben Zeugen dafür, dass Sie ganz scharf auf die Heirat Ihrer Schwester mit Lev Bastov waren. Völlig aus dem Häuschen. Lev Bastov würde Ihre Pelzfarm kaufen und Sie vor dem Ruin bewahren. Lev Bastov würde Ihnen irgendwo eine neue, lukrative Farm verschaffen. Oder noch besser: Er würde Sie zum Direktor einer seiner Pelzfabriken ernennen.«
»Gibt immer Leute, die den Mund zu voll nehmen. Manche Leute machen Versprechen – besonders, wenn sie ein Auge auf Frauen wie meine Schwester haben. Wenn du sie nicht mit Aussehen gewinnst, kaufst du sie mit Geld. Du machst große Versprechen, dass deine Familie auch etwas davon hat. Er will sich um alle kümmern. Dann ist er verheiratet, und alle großen Versprechen sind vergessen.«
»Aber ein Versprechen hat er gehalten. Er hat Ihnen tatsächlich die Leitung einer Fabrik übertragen, wo war das noch …« Cardinal blätterte in seinem Notizbuch, bis er den entsprechenden Eintrag fand. »Kalinin?«
»Kalinin. Scheiß auf Kalinin. Kalinin ist, wie wenn du wirst Chef von Autofabrik in Detroit. Oder von
Titanic. Bon voyage,
Kapitän!«
»Die Verkaufszahlen gingen zurück, aus Gewinnen wurden Verluste, Leute verloren ihre Jobs, und die Verantwortung dafür hat Lev Bastov Ihnen zugeschoben.«
»Lev sagt zu mir: ›Du trinkst zu viel, feierst zu viel. Du zahlst dir selbst zu viel Gehalt. Und du bezahlst zu viel für Pelze, wenn der Markt am Boden ist.‹ Soll ich vielleicht die Zukunft vorhersagen? Soll ich vielleicht wissen, dass China bald das Universum regiert? Scheiß Sklaventreiber.«
»Und er hat Sie gefeuert.«
»Der kann mich mal.«
»Er bekommt Ihre Schwester, er bekommt seine Fabriken, seine Profite, seinen Jetset-Lebensstil, und Sie bekommen …«
»Ich hab den Mistkerl gehasst, sind Sie jetzt zufrieden? Keine große Neuigkeit: Ich werde Lev Bastov nicht vermissen. Aber wenn Sie glauben, ich habe ihn getötet, nein.
Ihn
töten, das kann ich mir vielleicht vorstellen. Irena töten? Niemals. Und Sie werden auch nie beweisen, weil ich es nicht getan habe.«
»Was bringt Sie überhaupt nach Algonquin Bay, wenn Sie nicht mehr in der Pelzbranche tätig sind?«
»Ich bin Einkäufer für ein paar Juden im
Garment District
in New York. Bezahlung ist scheiße.«
»Wo waren Sie an dem Abend, als Ihre
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