Eismord
steckt da ein und derselbe Kerl dahinter. Oder auch Kerle, manche sind anderer Meinung. Na schön. Was ich Ihnen jetzt erzähle, hab ich nicht mal denen gegenüber erwähnt, weil ich nicht will, dass sie mich auf kürzestem Wege in die St. Elizabeth karren.«
»St. Elizabeth?«
»Klapsmühle in Washington D. C. Wimmelt nur so von ausgebrannten Kollegen. Jedenfalls geht es um Folgendes. Sie können mich auslachen, soviel Sie wollen, aber hören Sie es sich erst bis zu Ende an. Dieser Kartoffelbrei ist übrigens köstlich. Ich schmecke da mehr als einen Esslöffel Butter raus.
Okay, wir haben die beiden Fälle – mit Ihrem zusammen drei. Ich hab nun auch noch von
weiteren
drei Fällen gehört, die nicht damit im Zusammenhang stehen – zumindest nach Überzeugung aller außer mir. Die liegen eine Ewigkeit zurück – zehn, zwölf Jahre. Wir reden hier von richtig jungen Kids, Dreizehn- oder Vierzehnjährigen. Anscheinend kein Motiv. Sie brechen in ein Haus ein, erschießen alles, was sich bewegt – Mutter, Kind, ist ihnen ganz egal, einfach nur peng, peng, peng.«
»Und sie agieren allein?«
»Nein, zusammen mit anderen Jugendlichen. Oder auch etwas älteren jungen Leuten. Achtzehn, zwanzig Jahre alt. Das wissen wir nur, weil es bei einem der Fälle einen Überlebenden gab. Das war in der Nähe von Elmira – ländliche Gegend,
upstate.
Diese völlig verängstigte dreizehnjährige Tochter, die sich in einem Schrank versteckt hat, übersehen sie. Sie hört, wie die Älteren Anweisungen geben: ›Nun mach schon, erschieß ihn‹, so was in der Art. ›Papa will es so.‹«
»›Papa‹? Die haben wirklich ›Papa‹ gesagt?«
»Ja. Also, was denken Sie? Europäer? Jungimmigranten? Aber die Überlebende sagt, sie klangen nach Amerikanern.«
»Wurde jemand geschnappt?«
»Gerade mal ein Junge. Er war sechzehn, praktisch noch ein
Kind.
Er liegt mit einer Kugel im Schädel auf dem Sterbebett. Sie können sie nicht rausholen, sonst kommt sein Gehirn mit heraus. Der leitende Ermittler stellt ihm die Frage, die allen unter den Nägeln brennt: ›Wieso? Wieso brecht ihr mitten in der Nacht in ein Haus ein und bringt alle um, die ihr vor die Flinte kriegt?‹ Seine Antwort? ›Anordnung von Papa.‹
Der Detective sagt: ›Wie, euer Vater hat euch das befohlen?‹ Der Kleine schüttelt den Kopf und sagt: ›Papa.‹ So heißt der Mann. Niemand kennt seinen richtigen Namen. Will nicht anders genannt werden.‹ Der Kleine sagt, er bringt ihnen alles bei – von Geldautomatenraub über Kampfeinsatz Mann gegen Mann bis hin zum Überleben in freier Natur. Klang wie eine Schule für Kriminelle. Eine Verbrechens
maschine.
«
»Automaten ausrauben klingt interessant.«
»Dachte mir, dass Ihnen das gefällt. Der Kleine war tot, bevor er uns viel mehr erzählen konnte.«
»Wer hat ihn erschossen?«
»Einer aus seiner Gang. Offenbar bekam er Skrupel, wenn es ums Töten ging, und einer seiner Lehrmeister hat das Todesurteil gegen ihn vollstreckt. Nett, nicht?«
»Abgesehen von den Geldautomaten – wo sehen Sie die Verbindung zu unserem Fall hier oben?«
»Dieselbe Schusswaffe – Browning HP Neunmillimeter.«
»Dasselbe Fabrikat, aber nicht dieselbe Waffe? Damit würden Sie hier bei uns nicht mal einen Durchsuchungsbeschluss bekommen.«
»Sie können mir nicht ganz folgen«, sagte Mendelsohn und tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab. »Okay, ist nur zu verständlich. Was halten Sie davon? Wann haben Sie Ihre erste Einsatzbesprechung? Um halb neun, oder? Ich komm um neun und bringe alles mit, und wir gehen es gemeinsam durch. Würde Ihnen neun Uhr passen?«
»Sicher. Neun ist gut.«
»Statt Ihnen alles bei diesem wunderbaren Essen zu erzählen – übrigens vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben, das würde nicht jeder für einen von auswärts tun – und Sie vollzuquatschen, ist es doch das Beste, wenn ich Ihnen morgen alles bringe, was ich habe.«
Cardinal machte der Kellnerin Zeichen, er wolle zahlen, doch Mendelsohn gewann die Schlacht um die Rechnung.
Als sie vor die Tür traten, war es kälter geworden. Es wehte ein eisiger Wind, der den Schnee unter den Straßenlaternen aufwirbelte. Mendelsohn schlug den Mantelkragen hoch – was an den Privatdetektiv aus einem Comicheft erinnerte. Er bedankte sich noch einmal bei Cardinal und schüttelte ihm die Hand, dann stieg er in seinen Wagen, ließ den Motor an und fuhr davon.
Als Cardinal nach Hause kam, zog er die Gardinen zu, um sich
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