Eismord
dort.«
»Gut.«
»Woher kennst du die Gegend hier so gut?«, fragte Nikki. »Nur von der Karte?«
»Ich hab mal im Pelzhandel gearbeitet. Die Geschäfte haben mich mehr als ein Mal hier in die Gegend geführt. Jetzt hol dein Messer heraus und schneid mir ein paar Kiefernzweige ab. Schüttele den Schnee herunter und breite sie hier aus.« Er zeigte auf eine Mulde direkt unter einem umgestürzten Baumstamm.
In den nächsten zwanzig Minuten säbelte Nikki Kiefernzweige ab und legte sie auf den Schnee. Auch Papa sammelte welche und kleidete damit sorgsam die Mulde aus. Als sie in einer dicken Schicht gestapelt waren, erlaubte er ihr, aufzuhören. Er kniete sich auf die Zweige und zielte mit seinem Gewehr über die Spitze des umgefallenen Stamms. Nikki legte sich neben ihn.
Papa sprach leise mit ihr, als könnte jemand sie hören. »Die Zweige sind wichtig«, sagte er. »Dir ist doch warm in deinen Kleidern, oder? Also, egal, wie warm dir im Moment sein mag – wenn du dich auf eine Fläche mit einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt legst, dann saugt es dir im Nu alle Wärme aus den Knochen, und du zitterst bald wie Espenlaub. Die Zweige sind deine Isolationsschicht.«
»Sie sind auch irgendwie warm. Wo hast du so was alles gelernt? In der Army?«
»Teilweise schon. Aber vor allem wird Wissen durch Familien und Traditionen weitergegeben. Mein Vater hat mir eine Menge beigebracht, bevor er starb, und jetzt bring ich es dir bei. Okay, geh in Stellung.«
Nikki ahmte Papa nach und zielte mit ihrem kleineren Gewehr über den Stamm. Sie trugen beide Wollmützen, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten. Die Stille war so absolut, dass Nikki sie bedrückend fand und es ihr die Brust einschnürte.
»Es ist so still«, sagte sie.
»Genau so, wie ich es liebe.«
»Ich kann meinen eigenen Atem hören.« Und das war auch schon alles, es sei denn, man zählte das Rascheln ihrer Jacke, das kaum hörbare Klicken ihres Abzugshahns dazu. Ihre rechte Hand wurde, nur mit dem Handschuh bekleidet, allmählich kalt.
So blieben sie vielleicht eine Viertelstunde lang liegen.
»Woher willst du wissen, dass wir irgendwas zu sehen kriegen?«
Papa deutete nach rechts.
»Was ist?«
»Spuren.«
Nikki blinzelte in die Richtung, in die er gezeigt hatte. Blasse, V-förmige Eindrücke, nicht einmal frisch. »Wow, die hab ich gar nicht gesehen.«
»Ein Hase. Sieht man an der V-Form und an dem engmaschigen Laufmuster. Wenn die Vorderpfoten auftreten, kommen die Hinterpfoten nach vorn und landen zu beiden Seiten daneben. Die kurze Schleifspur stammt vom Schwanz.«
»Papa, ich glaube nicht, dass ich einen Hasen töten kann, die sind zu niedlich.«
»Ich bring dir Überleben bei, Nikki, nicht Ästhetik. Wenn du zurück auf den Straßenstrich willst, nur zu, steht dir jederzeit frei.«
»Will ich nicht, aber ich will auch keinen Hasen töten.«
»Du isst Hühnchen, oder? Truthahn? Schweinefleisch? Kalb? Du trägst Ledergürtel und -schuhe. Das alles bringt Schmerzen und Leiden für Tiere mit sich. Es ist dir egal, solange du es nicht siehst. Du denkst vielleicht, du liebst Tiere, und deshalb willst du keines töten, aber es ist Tatsache, dass du für den Tod Hunderter Tiere pro Jahr verantwortlich bist, und zwar allein durch das Essen, Lederwaren nicht mitgezählt. Du bist nur zimperlich, weil du es nicht gewohnt bist, für das, was du isst, Verantwortung zu übernehmen.«
Nikki hatte darüber bisher noch kaum nachgedacht. Sie wusste nur, dass es sich nicht richtig anfühlte, auf einen Hasen zu warten, um ihn zu töten. Sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Sie musste dringend pinkeln und wollte es nicht im Schnee machen, aber andererseits wollte sie Papa nicht verärgern, indem sie es erwähnte.
Papa machte
psst,
obwohl sie nichts gesagt hatte. Er nickte kaum merklich – eine leichte Bewegung mit dem Kinn in die Richtung der Spur.
Ein grauer Hase setzte sich auf seine Hinterbeine, schnupperte, wobei die rosa Nase mit der Hingabe eines Connaisseurs zuckte. Er befand sich vielleicht zwanzig Meter von ihnen entfernt.
»Wir sind in Windrichtung«, sagte Papa kaum hörbar. »Er wird uns nicht riechen. Hast du ihn im Visier?«
»Hmhm.« Es war wirklich niedlich, dieses kleine Häschen, doch Nikki spürte, wie dieser Gedanke sich davonschlich wie jemand, der heimlich aus dem Zimmer huscht. Das mechanische Problem, seinen Rumpf zwischen das V ihres Visiers zu bekommen und auf ihn zu zielen, verdrängte alle anderen
Weitere Kostenlose Bücher