Elben Drachen Schatten
wieder Kraft zu schöpfen und sich von der Schlacht um den Elbenturm zu erholen. Seine Haut straffte sich in dieser Zeit, wirkte weniger pergamentartig und verlor einen Großteil ihrer Falten, blieb jedoch auch für einen Elben sehr blass. Er sah nicht mehr aus wie ein Greis, dafür wie ein Elb unbestimmbaren Alters, und sein Gesicht wirkte zeitlos.
Ein paar Wochen – das war für elbische Verhältnisse kaum mehr als ein Augenblick. In dieser Zeit unterhielt er sich sehr häufig und sehr ausführlich mit der Heilerin Nathranwen, die ihm Auskunft über die Verhältnisse am Hof von Aratanias geben musste.
König Keandir berief bereits wenige Tage nach der Schlacht um den Elbenturm eine Sitzung des Kronrats ein. Außerdem sandte er Boten in alle Teile des Reichs, damit sie von den Geschehnissen in Hoch-Elbianas berichteten. Per Schiff brachen die Boten gen Norden auf, um den Herzögen Isidorn von Nordbergen, Asagorn von Meerland und Mirgamir von Noram Bericht zu erstatten, auf dass sich diese weit entfernten und dem Elbenreich nur nominell unterstellten Herzogtümer einstellen konnten auf das, was auch immer da kommen möge, zumal sie eine Bündnispflicht gegenüber dem König von Elbiana hatten.
Der sich anbahnende Konflikt mit dem Magolasischen Reich löste in den nördlichen Herzogtümern weitaus weniger Sorge aus als im Süden. Herzog Ygolas von Nuranien ließ bereits seit einiger Zeit und in ganz und gar unelbischer Eile die Befestigungsanlagen des Landes ausbauen und förderte nach Kräften die Ansiedlung von Rhagar, die bereit waren, diese Wehranlagen zu bemannen, und auch ansonsten die Reihen seines Heers anwachsen ließen. Nuranier nannte man die im Herzogtum ansässigen Rhagar, während die dortigen Elben als Nuran bezeichnetet wurden und inzwischen vielleicht schon eine Minderheit darstellten.
Ähnliches galt für Elbara, das Herzogtum des Branagorn, den man früher Branagorn den Suchenden genannt hatte. In kameradschaftlicher Eintracht bewachten Elbaran und Elbareaner zusammen mit Zentauren-Söldnern die Aratanische Mauer, die sich die gesamte Grenze entlang von der Küste des zwischenländischen Meeres bis zu den ersten Gebirgszügen Zylopiens und Hocherdes zog und bisher ein wirksames Bollwerk gegen Magolas und dessen Eroberungsdrang war. Nach dem Ereignissen am Elbenturm sah man ihre Wirksamkeit allerdings mit anderen Augen: Die Horden von Rhagar-Barbaren, die in der Vergangenheit die Elbenheit bedroht hatten, waren an diesem Schutzwall gescheitert, aber die Riesenfledertiere des Xaror hatten - einer grotesken Luftkavallerie gleich – den kürzeren Weg über das Meer genommen und die Aratanische Mauer nicht mal überfliegen müssen.
Auf der von König Keandir einberufenen Sitzung des Kronrates ging es denn in erster Linie darum, wie das Reich in Zukunft vor Angriffen solcher Art geschützt werden konnte. Auch Andir war zu dieser Zusammenkunft eingeladen gewesen, und Keandir hegte insgeheim die Hoffnung, dass sich sein Sohn wieder mehr den Belangen des Reichs zuwandte, so wie er es in dessen Anfangsjahren getan hatte, als er nicht einmal in erster Linie als Magier, sondern als großer Baumeister in Elbiana bekannt gewesen war, der die Magie zur Erschaffung gewaltiger und wunderschöner Bauwerke eingesetzt hatte.
Aber des Königs Hoffnung erfüllte sich nicht. Andir verspürte offenbar keine Neigung, sich mit den anderen Würdenträgern Elbianas auszutauschen. Nicht einmal der Tagungsordnungspunkt, der sich damit beschäftigte, ob und wann man eine Expedition nach Naranduin ausschicken solle, konnte den Magier dazu bewegen, sich wieder in die Niederungen der elbischen Tagespolitik zu begeben.
Stattdessen fand man ihn auf der Wehrmauer des Südturms sitzend, wo er meditierte, den Blick in die Ferne gerichtet. Als seine Mutter ihn später fragte, was er dort getan habe, lautete seine Antwort nur: »Es ist gut, jeden Schritt, den man geht, geistig vorwegzunehmen. Genau das habe ich getan.«
Andir wusste, dass ihn sein Weg früher oder später nach Süden führen würde, an das andere Ufer des Zwischenländischen Meeres – nach Aratania, der Hauptstadt seines Bruder Magolas. Es ging ihm um Daron und Sarwen, die halbelbischen Zwillinge aus der Blutlinie Keandirs; Andir konnte spüren, wie die Mächte der Finsternis nach den Seelen der beiden Kinder griffen, um sie zu Geschöpfen des Bösen zu machen. Er fühlte die Furcht in ihnen, die instinktive Abwehr gegen das, was mit ihnen geschah. Und er sah
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