Elben Drachen Schatten
»Wir müssen uns dem Zeitempfinden unserer Feinde anpassen, oder die Zeit selbst wird über uns hinweggehen.«
Am Abend, als sich Keandir und Ruwen in ihre Gemächer zurückgezogen hatten, sprach die Königin den Elbenherrscher auf Andir an und berichtete ihm von ihrem Erlebnis auf dem Turm.
»Er hat sich in jeder Hinsicht weit von uns entfernt, Kean. So weit, dass ich ihn oft nicht verstehe. Wir benutzen die gleichen Worte, und doch ist es so, als würden wir verschiedene Sprachen sprechen.«
»Ich weiß, was du meinst, geliebte Ruwen«, erwiderte Keandir und benutzte dabei ganz bewusst die persönliche Anredeform, obwohl es unter elbischen Eheleuten – vor allem der höheren Stände – durchaus üblich war, sich gegenseitig zu siezen.
»Und doch glaube ich, dass ich weiß, was ihn im Moment am meisten beschäftigt«, sagte Ruwen. »Er macht sich Gedanken über unsere Enkel, Kean. Über Daron und Sarwen, die beiden Kinder unseres Sohnes Magolas. Er hat irgendetwas vor, aber ich weiß nicht, was es ist.«
Am nächsten Morgen war Andir in Elbenhaven nicht mehr auffindbar. Im Hafen war zu erfahren, dass er in der Früh an Bord eines Handelsschiffs aus dem Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos gegangen war; dieses befand sich inzwischen auf dem Weg über das zwischenländische Meer nach Süden.
Der Mann in der weißen Kutte aus Elbenzwirn hatte sich die Kapuze über den Kopf gezogen, sodass sein bleiches Gesicht im Schatten lag. Für die ashkorianischen Seeleute war er nichts weiter als ein Sonderling, der mit elbischen Silber fürstlich für eine Überfahrt bezahlte und dem Reeder in Ashkor auf diese Weise einen zusätzlichen Profit verschaffte – und dem Kapitän und der Mannschaft auch, denn einen Teil der Summe, die Andir ihnen gegeben hatte, würde in keiner Aufzeichnung auftauchen und einfach aufgeteilt werden. Das war die übliche Praxis.
Der Handel zwischen Elbiana und dem Reich des Seekönigs wurde zwar beeinträchtigt durch die Spannungen, die zwischen dem Magolasischen Reich und dem der Elben herrschte, aber niemals wirklich zum erliegen gekommen. Allerdings waren elbische Kaufleute deutlich vorsichtiger geworden bei ihren Investitionen in Ashkor oder Terdos. Bereits existierende Handelskontore wurden zumeist weitergeführt, aber man gründete kaum neuen, und nur noch sehr selten beteiligten sich Elben finanziell an Manufakturen und Redereien im Reich des Seekönigs. Offenbar schätzten die Elben die Gefahr einer Invasion magolasischer Truppen als recht groß ein, und in einem solchen Fall musste damit gerechnet werden, dass sämtliches elbisches Eigentum im Seekönigreich sofort konfisziert wurde.
Die Piraten, die früher aus einsamen Buchten zwischen Ashkor und der südwestländischen Stadt Lakora das zwischenländische Meer unsicher gemacht hatten und mitunter sogar bis an die Küste Nord-Elbianas vorgedrungen waren, waren kaum noch anzutreffen. Seitdem es – abgesehen von seiner Küste – zur Gänze vom Magolasischen Reich umschlossen wurde, hatte sich die innere Struktur des Seekönigreichs sehr stark zentralisiert. Eine straffere Regierungsform war eingeführt worden, und war der König früher eher ein gewählter Erster unter Gleichen in einem Rat aus Patriziern, Reedern und Kapitänen gewesen, so hatte er unter dem äußeren Druck, den das Magolasische Reich allein schon aufgrund seiner Größe ausübte, absolute Macht erhalten; diese Macht wiederum hatte er mitunter genutzt, die Piratennester an der Küste westlich von Ashkor auszuräuchern. Eine starke Kriegflotte stand unter dem alleinigen Befehl des Herrschers, sodass nicht mehr jeder Kapitän je nach Gutdünken, Familienzugehörigkeit oder wirtschaftlicher Verflochtenheit selbst entschied, ob er an einem Seefeldzug teilnahm oder nicht.
Schon aufgrund der geografischen Lage war das Seekönigreich, das wie ein Keil zwischen Norien und den Südwestlanden lag, auf strickte Neutralität bedacht. So war es dem Seekönig durchaus gelegen, dass der Handel mit dem Elbenreich etwas zurückgegangen war, auch wenn die ökonomische Vernunft eigentlich dagegensprach. Aber man war sich in der Hauptstadt Ashkor darüber im Klaren, dass man der magolasischen Streitmacht kaum etwas entgegenzusetzen hatte und letztlich von der Duldung durch den Großkönig in Aratania abhängig war.
Dieser schien im Seekönigreich so etwas wie ein Tor in seine alte Heimat Elbiana zu sehen. Einen neutralen Hafen, über den man Nachrichten und gegebenenfalls
Weitere Kostenlose Bücher