Elben Drachen Schatten
Dienst der Garde bewährt hatten, religiös fanatisch waren und über die nötigen Charaktereigenschaften verfügten, um diesem blutigen Gewerbe nachzugehen. Doch dies hatte sich seit den Anfangstagen des Ordens, da Großkönig Magolas ihn im dreißigsten Jahr seiner Herrschaft gegründet hatte, grundlegend geändert: Inzwischen bestand er vor allem aus Arataniern und Südwestländischen, aber auch Karanorier fand man in diesem Orden, die zumeist ein großes Wissen über allerlei Gifte und ihre Wirkungsweisen mitbrachten. Magolas gab ihnen eine Beschreibung seines Bruders und pflanzte mit Hilfe seiner Geisteskraft ein Bild vom weißhaarig gewordenem Haupt Andirs in ihre Gedanken.
»Findet diesen Mann, eskortiert ihn hierher und …«
Magolas verstummte, seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Welchen Sinn hatte es, diese Männer einzuschränken? Magolas sah Schicksalslinien vor sich, und es wurde für ihn immer deutlicher, dass Andir für ihn und sein Reich vielleicht noch viel gefährlicher war als das Elbenreich seines Vaters. Zumindest kurzfristig betrachtet. Aber das hing davon ab, welchen Weg er – Magolas - einschlug, welche Entscheidungen er traf. Warum scheute er vor dem zurück, was er als notwendig erkannte? Er wusste seit langem, dass es keinen anderen Weg gab.
Magolas Gedanken schweiften in jene ferne Vergangenheit zurück, in der ihm sein Bruder so nahegestanden hatte wie sonst keine andere Seele, auch wenn sie andererseits ständig konkurriert und sogar in der Geschwindigkeit des Wachstums miteinander gewetteifert hatten. Das Königreich des Geistes war Magolas' Feind. Also musste er dementsprechend handeln, und das konsequent!
»Herr?«, fragte der Kommandant der Assassinen-Truppe. Seine Männer hatten Haltung angenommen. Sie trugen die traditionellen Lederkappen der Norischen Garde, aber ihre Gesichter waren durch ein Tuch verdeckt. Außerdem trug jeder von ihnen ein magisches Amulett vor der Brust, dass es Großkönig Magolas erlaubte, mit dem Betreffenden in geistige Verbindung zu treten, und dies auch über große Entfernungen hinweg. Zudem schirmte es die Träger bis zu einem gewissen Grad gegen magische Einflüssen ab, doch gegen Andir würde dieser Schutz vielleicht nur sehr kurze Zeit reichen, wenn überhaupt. Die einzige Waffe, die den Assassinen letztlich zur Verfügung stand, war ihre Schnelligkeit.
Der Kommandant der Assassinen war ein Krieger der Norischen Garde im Rang eines Oberst. Sein Name war Sobos, und er führte seine Herkunft auf einen norischen Söldner zurück, der schon vor Jahrhunderten in den Diensten der Garde gestanden hatte, als diese mit dem Heer des Eisenfürsten gegen die Aratanische Mauer gezogen war. Sein Vorfahr hatte sich gebrüstet, dem König der Elben ein paar funkelnde Juwelen abgenommen zu haben, die man auch als Elbensteine bezeichnete, die ihm später jedoch wieder abhanden kamen und inzwischen wohl ihren Weg zurück zum Elbenkönig gefunden hatten.
Oberst Sobos fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Er wirkte nervös. Vielleicht deshalb, weil er die Unsicherheit seines Großkönigs spürte, dem unsterblichen Sohn des Sonnengottes, der für Sobos und seine Mannen selbst gottgleich war. Der Auftrag, mit dem der Großkönig die Assassinen betraute, musste also von ganz besonderer Wichtigkeit sein.
Ein Ruck durchlief Magolas, und er löste sich aus der erstarrten Haltung, die er eingenommen hatte. Er erhob sich, ging die Reihe der Krieger entlang und berührte eines jeden Stirn mit den Fingerspitzen seinerrechten Hand, um ihre Abwehrkräfte gegen magische Beeinflussung durch ein kurzes Ritual noch einmal zu stärken.
Sobos kam als Letzter an die Reihe. Die Finger des Magiers fühlten sich kalt an, aber sie waren nicht ungewöhnlich kalt für einen Elben.
»Der Mann, den ich euch gezeigt habe, ist mein Bruder«, erklärte Großkönig Magolas. »Seid also nicht verwirrt, dass er mir äußerlich ähnelt. Doch er ist nicht wie ich ein Sohn des Sonnengotts, sondern ein Verräter, der den wahren Glauben ablehnt und noch nie zum Sonnengott gebetet hat. Wenn ihr ihn trefft, tötet ihn sofort. Denn kaum, dass euch der erste Gedanke an ihn durch euren Kopf geht, erkennt er euer Vorhaben und wird euch angreifen.«
»Jawohl, Herr«, sagte Oberst Sobos.
Zur gleichen Zeit wurde viele Meilen südöstlich von Aratania, in den Wäldern Karanors, der Kommandant jener Einheit geweckt, die den Tempel der Sechs Türme bewachten.
Oberst Orantos verließ sein
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