Elfenlicht
zarte Haut ihrer Hand gegraben. Auch Obilee blutete. »Du weißt, welche Macht mir ein Blutschwur gibt?« Emerelles Stimme war ohne Gefühl. Sie zog sich die Glassplitter aus der Hand.
»Dir wird meine Seele gehören, wenn das Siegel meiner Lippen bricht.« Noch immer konnte Obilee nicht fassen, was die Herrscherin getan hatte.
»Wenn deine Seele mir gehört, weil du den Eid brichst, ist der Zyklus aus Tod und Wiedergeburt für dich unterbrochen. Dann bist du ausgeschlossen vom Weg ins Mondlicht. Dein Schicksal würde sich nicht erfüllen.«
»Warum, Herrin? Warum tust du das?«
»Du hast jetzt große Macht über mich, Obilee. Ist es da nicht gerecht, wenn ich auch Macht über dich habe?«
»Aber du könntest mir doch vertrauen.«
»Und mich ausliefern? Nein, Obilee. Ich lebe zu lange, um noch Vertrauen zu haben.«
»Vielleicht findet die wiedergeborene Seele deshalb nicht zu dir?«, sagte die Kriegerin bitter. Sie wagte es nicht, Namen zu nennen, denn noch immer nisteten Schatten im Winkel bei den Schuhregalen.
»Dann ist es wohl mein Schicksal«, entgegnete Emerelle zynisch.
Die Lichter unter den Kleidern flackerten. Es wurde wieder wärmer. Obilee spähte zu den Schuhregalen.
»Es ist fort«, flüsterte Emerelle. Sie legte der Elfe ihre blutige Hand in den Nacken und zog Obilee dicht zu sich heran. »Es tut mir leid, dass ich mich so weit vergessen habe und dir diesen Namen verriet. Du bist meiner Seele nahe gewesen. Es war gut, mit dir zu reden, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich deine Ratschläge beherzigen werde. Ich würde sehr viel von meiner königlichen Würde aufgeben, wenn ich mich in die Küche stelle und ein schlechtes Essen zubereite. Würde ist ein wichtiger Teil meiner Herrschaft. Würde flößt anderen Respekt ein. Und nur wenn man mich respektiert, wird man mir gehorchen. Doch wie dem auch sei, ich habe auch einen Rat für dich. Er ist nicht minder heikel, aber er kommt von Herzen. Ich weiß, wie du für Nuramon empfindest. Sieh mich nicht so überrascht an, Obilee. Du hast dich in jenem Winter verraten, in dem Nuramon, Farodin und Mandred zu uns zurückgekehrt waren. Dir stand die Liebe ins Gesicht geschrieben, Obilee. Sprich zu Nuramon von deinen Gefühlen.«
Obilee stand wie vom Donner gerührt. Sie hatte sich so sehr bemüht, sich nichts anmerken zu lassen! Diese Liebe war ein Fluch! Sie wusste, dass sie nicht auf Nuramon hoffen durfte. Ihn zu lieben, war Verrat. Er hatte sein Herz Noroelle geschenkt, die Obilee einst in ihren Dienst genommen hatte. Noroelle war wie eine große Schwester für sie gewesen. Niemandem hatte sie so vertraut wie ihr. Dann war sie von der Königin verbannt worden, weil sie einem Dämonenkind das Leben geschenkt hatte und sich weigerte, Emerelle zu verraten, wohin sie ihren Sohn gebracht hatte. Es war eine grausame Strafe. Sie war an einem Ort, um den nur die Königin wusste. Niemand durfte darauf hoffen, sie jemals wieder zu finden. Doch Nuramon hatte sie nicht aufgegeben. Er suchte nach ihr, gemeinsam mit seinen Gefährten Farodin und Mandred. Diese drei waren Noroelles einzige Hoffnung. »Es steht mir nicht zu, Nuramon mein Herz zu öffnen. Er liebt eine andere, und ich darf ihn nicht von seiner Suche abbringen, denn auch ich liebe sie und wünsche ihr Glück.«
»Du glaubst also, du wärst eine Verräterin, wenn du zu Nuramon sprichst. Ach, Kind, was soll schon geschehen? Ist Nuramons Liebe zu Noroelle so beständig, wie es scheint, dann sind deine Worte keine Gefahr für die beiden. Ist sie es aber nicht, dann bewahrst du Nuramon davor, sich zu verirren. Und noch etwas gilt es zu bedenken. Auch Farodin liebt Noroelle. Sie wird zuletzt, falls die beiden Noroelle jemals finden sollten, nur einen von ihnen erwählen. Stell dir vor, es ist Farodin. Wenn dies geschieht, dann würde das Eingeständnis deiner Liebe Nuramon ein Trost sein. Es gibt aber noch einen dritten Grund, und dies ist der wichtigste von allen. Es wird der Tag kommen, an dem du es bitter bereust, wenn du nicht zu Nuramon sprichst. Ganz gleich, was er antwortet, seine Antwort wird dich befreien. Lehnt er deine Liebe ab, so nimmt er dir eine Illusion. Bei allem Schmerz, den dir das zunächst bereiten wird, schafft er so in deinem Herzen Platz für einen anderen. Ein Herz muss sich mitteilen, Obilee, sonst wird es versteinern. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Geh das Wagnis ein und sprich zu ihm, falls ihr euch noch einmal begegnet.«
Die Worte der Königin schnürten Obilee die
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