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Elfenlicht

Elfenlicht

Titel: Elfenlicht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bernhard Hennen
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Kehle zu. War das ein guter Rat? Emerelles Blick war offen und freundlich. Nichts erinnerte mehr an jene machtvolle Elfe, die sie zu einem Bluteid gezwungen hatte. Hatte sie von sich gesprochen? War es ihr Herz, das zu Stein geworden war? Viele dachten so von der Königin. Sie schien kalt und unnahbar. Obilee kannte jetzt die andere Emerelle. Doch wie viel war von der jungen Elfe noch geblieben, die einst den Feldherrn Falrach geliebt hatte? Genug, um sein wiedergeborenes Herz zu erringen?

ERWARTUNGEN

    Blut sickerte aus dem halb rohen Fleisch und ließ die angebrannten Zwiebelstücke wie Inseln in purpurner See ausschauen. Ollowain blickte auf. Noch nie war er bei Hof so schlecht bewirtet worden. Seit er angekommen war, lag eine fast greifbare Spannung in der Luft. Die Königin hatte ihn ins Bad geschickt. Es war angenehm, gewaschen zu sein und saubere Kleider zu tragen. Wie ein wandernder Koboldkesselflicker hatte er ausgesehen und obendrein gestunken wie ein Fjordländer.
    Zweimal schon hatte er auf das gestohlene Buch zu sprechen kommen wollen, doch Emerelle blockte ab. Sie schien etwas zu erwarten. Etwas, das nichts mit der langen Reise zu tun hatte. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und aß tapfer von diesem ungenießbaren Mahl.
    Sie speisten auf der Terrasse bei den Maulbeerbäumen, dort, wo seine Reise vor fünfzehn Jahren begonnen hatte. Außer zwei Kobolden, die sich in respektvoller Distanz hielten, war niemand zugegen.
    Ein Meer von Kerzen tauchte die Terrasse in flackerndes, goldenes Licht. Der Wind trug vom Garten den Duft von reifen Aprikosen heran. Auch roch es nach trockenem Gras und Staub. Der Atem des Spätsommers lag über ihnen. Ganz schwach war da auch noch ein anderer Geruch. Ein Duft, der etwas tief in Ollowain aufwühlte, ohne dass er ihn zuordnen konnte. Er war schwer und sinnlich. Er erregte ihn. Und das beunruhigte den Schwertmeister, denn Erregung war das letzte Gefühl, das er sich in Gegenwart der Königin anmerken lassen durfte. Seine Männlichkeit drückte gegen das Gefängnis der Beinkleider. Ollowain war froh zu sitzen, sodass seine missliche Lage unbemerkt bleiben würde. Er versuchte verzweifelt, seiner Erregung Herr zu werden, doch das ließ sein Blut nur noch heißer zwischen seinen Schenkeln pulsieren.
    Er blickte hinüber zu dem Buch, das in die Lumpen einer Vogelscheuche eingewickelt auf dem steinernen Geländer lag. Er hatte den schäbigen Stoff von einem Feld gestohlen und das kostbare Dokument darin eingewickelt, damit es weniger Aufsehen erregte. Mit Erfolg! Emerelle beachtete es überhaupt nicht. Stattdessen beobachtete sie ihn verstohlen.
    Die Königin trug ein tiefrotes Abendkleid. Dunkler Granatschmuck lag auf ihrer hellen Haut wie frische Wunden. Es war unheimlich still. Kein Vogel sang, nicht einmal die Grillen zirpten. So verstummte die Natur, wenn ein Jäger auf der Pirsch war. Ollowain sah sich um. Emerelle hatte noch nicht über die Schatten gesprochen. Waren sie noch hier? Hatten sie der Nacht ihre Stimmen geraubt?
    Immer schwerer lastete die Stille auf ihnen. Das einzige Geräusch war das Klirren des silbernen Bestecks auf den kostbaren Tellern. Ollowain schob einen blutigen Streifen Fleisch zu den verbrannten Zwiebeln. Er konnte das nicht essen! »Du solltest deinen Koch davonjagen.«
    Emerelle lächelte bemüht. »Diesen Koch und eine Ratgeberin.« Sie legte das Besteck auf den Teller und tupfte sich mit einem Seidentuch über die Lippen.
    Die beiden Kobolde eilten herbei. Wortlos nahmen sie die Teller vom Tisch.
    »Du warst lange fort«, sagte die Königin unvermittelt.
    »Ganda war schwer verletzt, als sie das Tor zu den Albenpfaden öffnete. Ihr muss bei dem Zauber ein Fehler unterlaufen sein.«
    »Schwer verletzt ...«
    Ollowain erzählte von ihrer Suche und von dem geheimnisvollen Gestaltwandler, der ihnen so sehr zugesetzt hatte. Nur in einem Punkt hielt er sich nicht an die Wahrheit. Er behauptete, es sei seine Idee gewesen, das Buch an sich zu bringen, für das ihr gesichtsloser Feind so kaltblütig gemordet hatte.
    »Und Ganda hat sich dem widersetzt. Eine Lutin, die keinen Anteil an einem Diebstahl haben mochte. Ungewöhnlich.« Emerelles schmallippiges Lächeln sagte mehr als Worte. Sie durchschaute ihn. »Und mein heldenhafter Schwertmeister wird zu einem gemeinen Dieb. Du bist sicher, dass es sich so zugetragen hat?«
    Das Blut stieg ihm von den Schenkeln in den Kopf. »So und nicht anders.« Wenigstens klang seine Stimme noch fest. Was

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