Elfenlicht
nicht hätte sehen dürfen. Sie sind nicht von uns gegangen, Schwester. Ich weiß, dass du einst diese Zeilen lesen wirst, und ich hoffe, die Zeit wird dich gnädig gestimmt haben. Du warst immer eine Kriegerin. So lange ich dich kannte warst du eine Frau des Schwertes. Und ich weiß, dass du in Zukunft eine Frau der Worte werden und dennoch Kriegerin bleiben wirst. Eine Meisterin der Intrige im Dienste des Wohl aller Albenkinder. Doch du hast dich einem Artefakt anvertraut, das geschaffen wurde, uns ins Verderben zu stürzen. Noch gehört es mir, und ich habe Jahrhunderte damit verbracht, mögliche Zukünfte zu studieren bis meine Seele im spiegelnden Wasser verbrannte. Deshalb liege ich nun in einem Bad aus Tinte. Es heißt, in warmen Wasser sei es leichter, dem Tod, so wie ich ihn gewählt habe, zu begegnen. Es soll ganz ohne Schmerzen geschehen. In der Tinte sehe ich mein Blut nicht. Ich habe nur einen kleinen Schnitt gesetzt, damit mir die Zeit bleibt, meine letzten Gedanken zu ordnen und dich zu warnen. Ich habe jeden Schritt wohl bedacht und habe die Zukünfte ergründet. Ich weiß, ein Brief an dich hätte dich nicht erreicht. Deshalb nutze ich die letzten Seiten meines Buches, um niederzuschreiben, was dich erst so spät erreichen wird. Ich weiß, dass du Cabak, meinen treuen Diener, stellen wirst, bevor er den zweiten Teil meiner Aufgabe erfüllen kann. Er hat dich nicht belogen. Er war kein Dieb. Ich habe ihm befohlen, dieses Buch nach Iskendria zu bringen – was er dir nicht verraten haben wird -, und ja, ich habe ihm tatsächlich befohlen, die Silberschale an sich zu nehmen und einen Weg zu finden, sie für immer zu vernichten. Er hat seine Hand zu Unrecht verloren. Er hat sie für meine Treue verloren. Es wird ihn verbittert machen und er wird zum ersten Meister der Diebe unter den Lutin werden, denn er wird beschließen, dass er nun das Recht hat zu tun, wofür er zu Unrecht bestraft wurde. Sein Volk wird ihm auf diesem Weg folgen. Bevor sie ihn zur letzten Ruhe betten, wird er ein einflussreicher Kobold gewesen sein und die Seinen werden seine Bitterkeit durch die Jahrhunderte mit sich tragen. Doch ich schweife ab ... Du weißt natürlich, wie es um die Lutin steht. Was mich weit mehr schmerzt als die kleine Wunde, aus der mein Leben fließt, ist mein Wissen. Du wirst dies lesen und wirst es nicht glauben wollen. Hüte dich vor der Silberschale! Sie wurde von den Yingiz erschaffen! Sie kann zwar nicht lügen, aber sie will uns mit der Wahrheit verwirren. Sie zeigt dir einen Mann, der sich mit blutigen Händen über einen Krieger beugt, dessen Augen die Angst hinausschreien. So hältst du den Heilkundigen, der um das Leben des Verletzten kämpft, für einen Mörder. Die Silberschale zeigt dir stets eine Zukunft, die dich mit Sorge erfüllt. Und sie will dich zu Fehlern verleiten, die du ohne dein vermeintliches Wissen um die Zukunft niemals begangen hättest. Mich hat sie zu Grunde gerichtet.
Mir ist kalt. Nur wenig Blut fließt noch in meinen Adern. Doch eines musst du noch wissen. Geh behutsam um mit den Albenpfaden. Die einen umgeben unsere Welt wie ein schützendes Netz. Sie halten die Yingiz fern. Dieses Netz darf nicht zerstört werden. Die anderen aber, die zur Welt der Menschen führen und in die zerbrochene Welt, die (...)
ZITIERT NACH: DIE WEGE DER ALBEN, VON: MELIANDER, FÜRST VON ARKADIEN
ÜBER DEN DÄCHERN VON FEYLANVIEK
»Melvyn wird uns nicht dafür lieben, dass wir hier sind.« Der Kobold duckte sich hinter einen Dachfirst und sah seinen Gefährten Nossew zweifelnd an. »Wirklich nicht. Der mag es nicht, wenn man ihm hinterherschleicht.«
Nossew hielt den Zeigefinger hoch und krümmte ihn leicht. Dann streichelte er über den glatt polierten Schaft seiner Repetierarmbrust.
»Ja, ja«, murrte Misht. »Ich hab schon verstanden. Dein Zeigefinger juckt. Ein todsicheres Zeichen für Ärger. Aber weißt du was, ich halte gar nichts davon, meinen Kopf hinzuhalten, nur weil Melvyn sich mal wieder in ein fremdes Bett legen muss.«
Trotz seines Protestes stemmte sich der Kobold hoch und spähte über den Dachfirst hinweg. Der Mond stand wie eine riesige Laterne am Himmel. Man musste schon ausnehmend dumm sein, um sich ausgerechnet diese Nacht zum Herumschleichen auszusuchen. Oder über beide Ohren verliebt. Seit drei Tagen rannte Melvyn in ihrem Lager herum, als habe ihn ein Büffel vor den Schädel getreten. Kein vernünftiges Wort brachte er heraus. Er fand keine Ruhe. Auch nachts
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