Elfenlicht
NAMEN DER KÖNIGIN
Ollowain zügelte den Hengst auf der Hügelkuppe und blickte hinab auf die große Stadt. Schutzlos streckte sie sich am Flussufer. Der Schwertmeister konnte nicht fassen, wie man so leichtfertig sein konnte! Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit die Trolle zurückgekehrt waren, und trotzdem gab es keine Stadtmauern und Türme. Feylanviek war nicht zu verteidigen, sobald der Mika zufror. Es würde einfach überrannt werden. Keine Macht der Welt würde das verhindern können. Die Schreckensbilder des brennenden Vahan Calyd kamen Ollowain in Erinnerung. Er hatte erlebt, wie eine Stadt in einer einzigen Nacht gestorben war.
Sein Blick wanderte über die Klippenlandschaft aus steilen Dachgiebeln. Feylanviek würde brennen. Die Fachwerkhäuser waren wie ein riesiger Scheiterhaufen. Sobald der erste Straßenzug in Flammen stand, würde niemand mehr das Feuer unter Kontrolle bringen können.
Ollowain glitt aus dem Sattel und löste den Lederriemen seines Helms. Müde schüttelte er den Kopf, entspannte die Nackenmuskeln und atmete die schwüle Nachtluft. Fledermäuse tanzten in unstetem Flug durch den Himmel. In der Ferne hörte man Schmiedehämmer. Selbst in der Nacht kam die Stadt nicht zur Ruhe, als sei sie begierig, jede Stunde zu nutzen, die ihr noch blieb. Der Schwertmeister hängte den Helm ans Sattelhorn und klopfte dem großen Schimmel auf den Hals. »Reitet voraus zum Lager. Ich möchte mich ein wenig in der Stadt umsehen, bevor die Nachricht die Runde macht, dass Emerelle mich geschickt hat.«
Obilee räusperte sich. »Herr?«
Die junge Kriegerin befehligte die kleine Eskorte, die Ollowain durch das goldene Netz gefolgt war. Ihre scheue Zurück
haltung grenzte fast schon an die abergläubische Demut, mit der die Menschen ihre Götzenbilder verehrten. Als sie ihn vor zwei Stunden aus dem Kartensaal der Burg geholt hatte, hatte sie kaum die Zähne auseinander bekommen. Mit den übrigen Kriegern der Eskorte war es nicht besser. Für sie war er eine lebende Legende. Dass er fünfzehn Jahre lang verschwunden war, hatte dem keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, in seiner Abwesenheit schienen die Geschichten über ihn nur gewachsen zu sein. Was ihn aber mehr bedrückte als sein unverdienter Ruhm, war die Hoffnung, die er in den Augen der jungen Krieger sah. Sie waren davon überzeugt, dass er ein Wundervollbringen würde. Sie glaubten tatsächlich, er könne die Übermacht der Trolle besiegen. Dass Emerelle ihn hergeschickt hatte, damit er einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld fand, statt sein Haupt auf den Richtblock eines Henkers zu betten, ahnte niemand.
»Herr«, sagte Obilee noch einmal zögerlich. »Ich fürchte, dass du in der Stadt nicht lange unerkannt bleiben wirst in deinem Gewand.«
Ollowain blickte an sich herab. Er trug einen leichten weißenLeinenpanzer, dazu eine Reithose und weiße Stiefel. Über seinen Schultern lag ein kurzer weißer Umhang. Obilee hatte Recht. Als weißen Ritter kannte ihn jedes Kind in Albenmark. Er wusste, dass seine Anwesenheit die Moral in der Stadt heben würde. Aber in dieser Nacht wollte er noch unerkannt sein.
Er lächelte die fahrende Ritterin an. »Was schlägst du vor?« Wieder räusperte sich die junge Elfe, als habe sie ständig einen trockenen Hals, wenn sie mit ihm sprach. »Wenn du vielleicht meinen Umhang nehmen würdest, Herr ...« Sie öffnete die breite silberne Fibel und reichte ihm das Kleidungsstück. Es war aus festem und doch leichtem grünem Tuch. Eine dünne Borte aus stilisierten Eichenblättern schmückte den Saum.
Ollowain nahm seinen Mantel ab und reichte ihn der Elfe, dann warf er sich den grünen Umhang um die Schultern und zog ihn vor der Brust zusammen. »Ich sehe euch im Heerlager. Ich wünsche, dass sich zum Morgengrauen alle Befehlshaber für eine Besprechung einfinden. Die Zeit des Herumsitzens und Wartens ist vorbei. Wer ohne triftigen Grund bei der Lagebesprechung fehlt, verliert sein Kommando.«
Obilee nickte ernst. Dann gab sie den übrigen Reitern ein Zeichen und führte die Eskorte den Hügel hinab.
Ollowain atmete freier, als er allein war. Mit weiten Schritten stieg er den Hügel hinab und überquerte die erste der zahllosen Brücken der Stadt. Der Kanal stank nach Fäulnis, nach dem zähen, schwarzen Schlamm der Ufer, verrottendem Schilf und den Fäkalien der Stadt. Bei Tageslicht war das Wasser sicher eine unansehnliche dunkle Brühe. Doch der Mond verwandelte es in einen silbernen Spiegel.
Einen
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