Elfenlicht
Herzschlag lang hatte Ollowain wieder den schweren, sinnlichen Duft der Königin in der Nase. Keine fünf Stunden waren vergangen, seit Emerelle ihm den Befehl zu seinem letzten Kommando gegeben hatte. Und doch schien es in einem anderen Zeitalter gewesen zu sein. So viel war in so kurzer Zeit geschehen. Er hatte sich in der Rüstkammer neu einkleiden lassen und danach die Zeit, die noch blieb, im Kartensaal verbracht. Obilee verwahrte für ihn eine lange Röhre aus zähem Leder. Darin befanden sich aufgerollt sieben Karten der Region. Die Trolle sammelten sich nahe dem Mordstein; das war kaum dreihundert Meilen entfernt. Doch der riesige Tross machte ihrHeer schwerfällig. Überraschende Manöver brauchte man von ihnen nicht zu befürchten.
Der Feldherr schlenderte ziellos durch die Stadt. Er ließ sich treiben. Auch wenn er einen aussichtslosen Kampf auszutragen hatte, fühlte er sich erleichtert. Hier draußen, nahe der Grenze zur Snaiwamark, war es klar, wie die Fronten verliefen. Nicht so wie in Iskendria, wo er das wahre Antlitz seines Feindes nicht einmal hatte erahnen können. Hoffentlich zog Emerelle wenigstens Nutzen aus dem verfluchten Buch.
Ollowain wich einer Schar lärmender Minotauren aus, die sturzbetrunken gefährlich nah am Rand eines Kanals entlangtorkelten. Unbewusst hatte sich seine Hand auf den Schwertgriff gelegt. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass es nicht wirklich Kleos gewesen war, gegen den er in Iskendria gekämpft hatte, sondern nur dessen Leib. Und in dieser Schlacht waren die gehörnten Hünen ihre Verbündeten.
Der Schwertmeister beschleunigte seine Schritte und bog in eine Seitenstraße ein, die von der Front eines prächtigen Elfenpalastes beherrscht wurde. Das Geräusch der Hämmer war hier so laut, dass man ihren Lärm schon körperlich spüren konnte. Wie unsichtbare Wellen brandete das metallene Getöse in Form gezwungenen Stahls gegen ihn an. Und dann war da plötzlich ein anderes Geräusch. Ein schrilles Pfeifen, das Ollowain von Schlachtfeldern kannte. Ein Heuler!
Eine Schattengestalt fiel aus dem Nichts und landete federnd neben ihm auf dem Pflaster. Stählerne Krallen ragten über die geballten Fäuste des Kriegers. Geduckt, sichernd, drehte er sich halb im Kreis. Der Elf hatte zerzaustes blondes Haar und trug ein schmuddeliges, ledernes Jagdhemd. Seine Stiefel waren abgewetzt. Statt einer Hose trug er einen roten Lendenschurz.
Ollowain hörte ein leises Sirren. Er drückte sich an die Hauswand und zog blank. Ein Armbrustbolzen schrammte funkenstiebend über das Straßenpflaster.
Schatten glitten die Palastwand hinab. Der Krieger mit den Krallenhänden stürmte vor, doch ein Trupp Armbrustschützen, der am Ende der Gasse erschien, versperrte ihm den Fluchtweg. Die Kobolde beugten die Knie und hoben drohend die Waffen an die Schultern.
Ollowain atmete ganz ruhig und musterte die Spinnenmänner. Sie waren berüchtigt dafür, ihre Geschosse zu vergiften. Doch in ihrem Eifer, den Elfen zu ergreifen, hatten sich zu viele von ihnen in die Gasse abgeseilt. Sie konnten nicht mehr schießen, ohne Gefahr zu laufen, einander zu treffen.
Eine gedrungene Gestalt löste sich aus der Schützengruppe am Ende der Gasse, ein Kobold mit einem nietenbeschlagenen Lederwams. Ein eckig gestutzter Bart wucherte auf seine Brust hinab, der Schädel war kahl geschoren. Zwei Krieger mit Armbrüsten im Anschlag begleiteten ihn.
Ollowains Blick wanderte über die Kobolde. Sie standen auf den Dächern rings herum, an beiden Enden der Gasse und drückten sich mit drohend erhobenen Waffen an die Hauswände. Es waren mindestens dreißig.
Der Elf mit den Krallenhänden wich ein Stück zurück. Er sah sich um, suchte einen Fluchtweg. Plötzlich lächelte er, und seine Zähne schimmerten weiß in der Dunkelheit. »Ein schlechter Ort für einen nächtlichen Spaziergang, Kamerad. Tut mir leid.« Er ließ sich zu Boden fallen und rollte sich seitlich in einen Hauseingang.
Bolzen sirrten. Ollowain machte einen Satz nach vorn. Sein Schwert wirbelte in silbernen Kreisen. Kreischend glitt ein Geschoss an der Klinge ab. Der Ruck riss ihm fast die Waffe aus der Hand. Obilees Umhang flatterte um seine Schultern und machte ihn für die Kobolde in seinem Rücken zu einem unsicheren Ziel.
Der Schwertmeister bewegte sich wie ein Tänzer, doch war sein Rhythmus nicht vorhersehbar. Er duckte und spannte sich, machte einen überraschenden Seitschritt und wechselte einen Lidschlag später schon wieder sein
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