Elfenlicht
Vielleicht gehörte das zu Tjureds Plan? Vielleicht war es eine Prüfung für sie? Gott war vollkommen! Er musste um die Gefahr gewusst haben. Also lag es in seiner Absicht, dass sie mit dieser Kreatur rangen. Wenn sie nur nicht so stark wäre!
Drei von ihnen waren schon vergangen. Sie waren eins geworden mit der Dunkelheit. Sie waren die Schwächsten gewesen. Die Übrigen hatten mehr Seelenkraft, um sich zu widersetzen. Sie würden nicht so schnell besiegt sein, wie diese Kreatur der Finsternis vielleicht glaubte. Und wenn ihr Glaube stark blieb, dann würden sie es sein, die triumphierten.
Der Choral, den seine Brüder und Schwestern in Gedanken angestimmt hatten, hatte eine beruhigende Wirkung auf Sebastien. Er fand zu seiner Zuversicht zurück. Und er konnte sein Herz endlich der Schönheit der Küstenlandschaft öffnen. Das Meer brandete in sanften Wellen gegen ein Labyrinth schwarzer Klippen an. Kleine Strände mit schneeweißem Sand wurden von Eichen beschattet, die dicht hinter den Dünen wuchsen. Die Luft war erfüllt von den Liedern der Vögel, die sich mit dem Wind und der Brandung zu einer großartigen Harmonie vereinigten.
Der Choral der Seelen hatte die Stimme des dunklen Versuchers zum Verstummen gebracht. Sebastien war sich unschlüssig, ob es die heilige Macht der Worte war, die den Schatten schweigen ließ, oder der Frieden, der ihnen entströmte und der selbst für die aufgewühlteste Seele heilender Balsam war.
Sebastien umrundete einen Felsvorsprung, der über den Strand hinaus bis zur See reichte. Er konnte das erfrischende Wasser nicht spüren. Ganz gleich, ob er über den Strand oder durch das Wasser eilte, er fühlte nichts. Nicht den Sand unter den Pfoten und nicht die spritzende Gischt, die mit kalten Fingern durch sein Fell hätte greifen sollen. Sein neuer Leib hätte es Sebastien erlaubt, durch den Fels hindurchzugehen. Aber das hätte einen Augenblick der Finsternis bedeutet. Für einen Herzschlag wären die Sonne und ihr strahlendes Licht verschwunden, und er scheute davor zurück, dem Schatten in ihrer Seelengemeinschaft so leichtfertig in die Hände zu spielen.
Der ehemalige Abt verharrte vor einem Tümpel aus dunklem Brackwasser, der vor dem Wind geschützt zwischen den Felsen lag. Er betrachtete den neuen Leib, den das Wunder Tjureds ihnen geschenkt hatte. Sie waren groß wie ein Stier geworden, auch wenn sie dabei so hager waren wie ein halb verhungerter Wolf. Deutlich zeichneten sich Muskeln und Sehnen unter dem kurzen Fell ab. Sie waren stark! Stärker als jedes Geschöpf aus Fleisch und Blut. Nachdem sie die Pfade aus Licht verlassen hatten und in die wunderschöne Welt der verhassten Albenkinder getreten waren, hatte Sebastien ihren neuen Leib erprobt. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht war er dahingestürmt. Er konnte auf Wolken laufen und durch Mauern preschen. Nichts hielt sie auf! Und wie lange sie auch rannten, sie kannten keine Müdigkeit. Dieser Körper war eine vollkommene Waffe gegen die Albenkinder. Sie hatten einen Jäger getroffen. Seine Pfeile waren wirkungslos durch sie hindurchgeglitten. Jules sagte zwar, dass Eisen aus den Schmieden der Menschen ihnen vielleicht schaden könnte, aber hier gab es keine Menschen. Die Albenkinder waren ihnen ausgeliefert. So wie die heiligen Märtyrer der geschändeten Refugien den Waffen der Albenkinder ausgeliefert gewesen waren. Dies hier war ein Kriegszug des gerechten Zorns, so hatte Jules immer wieder gepredigt. Sie waren die Auserwählten Gottes. Die Waffe, die sich tief in das Fleisch der Sündigen graben würde! Das unverwechselbare Bellen von Seehunden ließ Sebastien aufhorchen. Hier würde er erfolgreich jagen können. Viele Abende lang hatte Jules ihm von den Wundern Albenmarks und von den Geschöpfen erzählt, die hier lebten. Er sollte die Selkies finden. Die liebsten Kinder Eleborns, des Fürsten unter den Wogen. Man erkannte sie an ihren strahlenden Augen.
Sebastien blickte in das Spiegelbild ihres Leibes. Er sah blauweißes Licht, das einen Körper formte. Einen Leib mit einer mörderisch langen, schlanken Schnauze voller Zähne. Wenn sie genügend Lebenslichter ausgelöscht hatten, würden sie einen wirklichen Leib bekommen. Einen festen Körper, wie ihn jede Kreatur Gottes haben sollte. Ja, wenn sie besonders erfolgreich waren, würden sich ihre Seelen von der dunklen Kreatur lösen, und ihre Leiber würden wieder auferstehen. Dann wären sie alle lebende Heilige. Und sie würden die Welt der
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