Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
Und die Mauer sollte mehr als eine Mauer werden: Aus ihr wurde die große lineare Stadt von Groombridge Dyson D, an der flachsten Stelle dreißig Meter hoch, mit einer Vielzahl von Moscheen und Minaretts in ihren Wallanlagen und einer Verbindungsstraße obendrauf, die breit genug war, dass drei Karossen einander passieren konnten, ohne dass sich ihre Räder berührten.
Die Zahl der Kolonisten war zu gering, und sie waren zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt, um ununterbrochen an einer solchen Mauer zu arbeiten, aber sie programmierten Roboter und dekantierten Androiden aus den Grüften ihrer Saatschiffe, die die Arbeiten ausführten. Aenea und ihre Freunde gesellten sich zu diesem Projekt und arbeiteten sechs Standardmonate, in denen die Mauer Gestalt annahm und ihre unerbittliche Ausbreitung am Ansatz des Hochlands und der Grenze des Graslands begann.
»A. Bettik hat zwei seiner Geschwister dort gefunden«, sagte Aenea leise.
»Mein Gott«, flüsterte ich. Das hatte ich fast vergessen. Als wir vor Jahren auf Sol Draconi Septem waren und in der Wärme eines Heizkubus in Pater Glaucus’ von Büchern gesäumtem Arbeitszimmer in einem Wolkenkratzer saßen, der im ewigen Gletscher der gefrorenen Atmosphäre dieser Welt eingebettet war, da hatte A. Bettik einen der Gründe genannt, warum er das Kind Aenea und mich auf diese Reise begleitet hatte: Er hoffte aller Logik zum Trotz, seine vier Geschwister – drei Brüder und eine Schwester – zu finden. Kurz nach ihrer Ausbildung waren sie als Kinder getrennt worden – wenn man die Jahre beschleunigten Wachstums von Androiden denn als »Kindheit« bezeichnen konnte.
»Er hat sie also wirklich gefunden?«, fragte ich staunend.
»Zwei von ihnen«, wiederholte Aenea. »Einen der anderen Männer in seiner Wachstumskrippe – A. Antibbe – und seine Schwester, A. Darria.«
»Waren sie wie er?«, fragte ich. Der alte Dichter hatte in seiner menschenleeren Stadt Endymion Androiden eingesetzt, aber außer A. Bettik hatte ich keinem von ihnen besondere Beachtung geschenkt. Zu viel war zu schnell geschehen.
»Sehr ähnlich«, sagte Aenea. »Aber auch wieder ganz anders. Vielleicht wird er dir mehr erzählen.«
Sie setzte ihre Geschichte fort. Nach sechs Standardmonaten Arbeit an der linearen Stadtmauer auf Groombridge Dyson D hatten sie aufbrechen müssen.
»Aufbrechen müssen?«, fragte ich. »Der Pax?«
»Die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, um genau zu sein«, sagte Aenea. »Wir wollten nicht gehen, hatten aber keine andere Wahl.«
»Was ist die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden?«, fragte ich.
Etwas an der Art, wie sie die Worte ausgesprochen hatte, ließ die Härchen an meinen Armen sich aufrichten.
»Das erkläre ich später«, sagte sie.
»Na gut«, sagte ich, »aber etwas anderes musst du mir gleich erklären.«
Aenea nickte und wartete.
»Du sagst, du hast fünf Standardmonate auf Ixion verbracht«, sagte ich.
»Drei Monate auf Maui-Covenant, sechs Monate auf Renaissance Vector, drei Monate auf Patawpha, vier Standardmonate auf Amritsar, etwa sechs Standardmonate auf – wie war der Name? – Groombridge Dyson D?« Aenea nickte.
»Und du bist etwa ein Standardjahr hier, sagst du?«
»Ja.«
»Das sind nur neununddreißig Standardmonate«, sagte ich. »Drei Standardjahre und drei Monate.«
Sie wartete. Ihre Mundwinkel zuckten leicht, aber ich merkte, dass sie nicht lächeln würde... es sah eher aus, als versuchte sie, nicht zu weinen.
»Du warst schon immer gut in Mathe, Raul.«
»Meine Reise hierher hat fünf Jahre Zeitschuld gekostet«, sagte ich leise.
»Das sind für dich rund sechzig Standardmonate, aber du hast nur neununddreißig geschildert. Was ist mit den fehlenden einundzwanzig Standardmonaten, Spatz?«
Ich sah die Tränen in ihren Augen. Ihr Mund bebte leicht, aber sie versuchte, in einem unbekümmerten Tonfall zu sprechen. »Es waren zweiundsechzig Standardmonate, eine Woche und sechs Tage für mich«, sagte sie. »Fünf Jahre, zwei Monate und ein Tag Zeitschuld für das Schiff, etwa vier Tage Beschleunigungs- und Bremsmanöver und acht Tage Reisezeit.
Du hast deine Reisezeit vergessen.«
»Schon gut, Spatz«, sagte ich, da mir ihre Gefühlsaufwallung nicht entging. Ihre Hände zitterten. »Möchtest du reden über die fehlenden... was war es?«
»Dreiundzwanzig Standardmonate, eine Woche und sechs Stunden«, sagte sie.
Fast zwei Standardjahre, dachte ich. Und sie will mir nicht sagen, was ihr während
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