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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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dieser Zeit widerfahren ist. Ich hatte bisher noch nie gesehen, dass sie eine derart eiserne Selbstbeherrschung aufgeboten hatte; es war, als würde sie versuchen, sich gegen eine schreckliche Zentrifugalkraft körperlich zusammenzuhalten.
    »Wir reden später darüber«, sagte sie und zeigte zur offenen Tür hinaus auf die Felswand westlich des Tempels. »Schau.«
    Ich konnte gerade noch Gestalten auf dem schmalen Sims erkennen – zweibeinig und vierbeinig. Sie waren immer noch mehrere Klicks an der Felswand entfernt. Ich ging zu meinem Rucksack, holte das Fernglas heraus und betrachtete die beiden Gestalten.
    »Die Packtiere sind Zygeißen«, sagte Aenea. »Die Träger werden auf dem Marktplatz in Phari angeheuert und kehren am Morgen zurück. Siehst du jemand Bekannten?«
    Ich sah jemanden. Das blaue Gesicht unter der Kapuze der Chuba sah aus wie vor fünf Jahren. Ich wandte mich wieder zu Aenea um, aber sie wollte eindeutig nicht mehr über die fehlenden zwei Jahre sprechen. Ich ließ zu, dass sie das Thema wechselte.
    Aenea stellte mir Fragen, und wir unterhielten uns immer noch, als A. Bettik eintraf. Die Frauen – Rachel und Theo – kamen wenige Minuten später hereingeschlendert. Eine der Tatamimatten wurde zurückgeklappt, sodass eine Kochstelle im Fußboden nahe der offenen Wand zum Vorschein kam, worauf Aenea und A. Bettik für alle kochten. Andere kamen herein und wurden vorgestellt – die Vorarbeiter George Tsarong und Jigme Norbu; zwei Schwestern, die weitgehend für die geschnitzten Geländer verantwortlich waren – Kuku und Kay Se; Gyalo Thondup in seinen förmlichen Seidengewändern und Jigme Taring in seiner Soldatenkluft; der lehrende Mönch Chim Din und Kempo Ngha Wang Tashi, sein Meister, Abt des Gompa im Tempel, der in der Luft hängt; ein weiblicher Mönch namens Donka Nyapso; ein reisender Handelsvertreter mit Namen Tromo Trochi aus Dhomu; Tsipon Shakabpa, Oberaufseher der Bauarbeiten des Dalai Lama hier im Tempel; und der berühmte Bergsteiger und Parasegelflieger Lhomo Dondrub, vielleicht der eindrucksvollste Mann, den ich je gesehen hatte, und – wie ich später herausfinden sollte – einer der wenigen Flieger, die Brot mit Dugpas, Drukpas und Drungpas brachen oder mit ihnen Bier tranken.
    Das Essen bestand aus Tsampa und Momo – geröstete Graupen, die in Tee mit Zygeißenbutter eingerührt wurden, sodass eine Paste entstand, die zu Bällchen gerollt und mit anderen Bällchen aus dampfgegartem Teig gegessen wurde, die Pilze, kalte Zygeißenzunge, gezuckerten Speck oder Stücke von Birnen enthielten, die, versicherte mir A. Bettik, aus den legendären Gärten des Hsi wang-mu stammten. Als die Schüsseln herumgereicht wurden, kamen noch mehr Leute herein – Labsang Samten, der, wie A. Bettik mir zuflüsterte, der ältere Bruder des derzeitigen Dalai Lama war und sich sein drittes Jahr als Mönch hier im Tempel aufhielt, sowie verschiedene Drungpas aus den bewaldeten Schluchten einschließlich des obersten Zimmermanns Changchi Kenchung mit seinem langen gewichsten Schnurrbart; Perri Samdup, ein Schriftgelehrter; und Rimsi Kyipup, ein düsterer und unglücklicher junger Gerüstbauer. Nicht alle Mönche, die in jener Nacht vorbeischauten, stammten von Saatschiffkolonisten chinesischer/tibetanischer Herkunft der Alten Erde ab. Die furchtlosen Hochgerüstbauer Haruyuki Otaki und Kenshiro Endo, die Bambusbaumeister Voytek Majer und Janusz Kurtyka und die Lehmziegelmacher Kim Byung-Soon und Viki Groselj lachten mit uns und stießen mit ihren Bierkrügen an. Ebenfalls anwesend war Charles Chi-kyap Kempo, der Bürgermeister von Jong-ku, der nächstgelegenen Klippenstadt, der zugleich als Oberzeremonienmeister aller Priester des Tempels diente und Mitglied des Tsongdu war, des regionalen Ältestenrates, sowie Ratgeber des Yik-Tshang, wörtlich übersetzt »Nest der Buchstaben«, einer geheimen Gruppe von vier Personen, die die Fortschritte der Mönche überwachten und alle Priester ernannten. Charles Chi-kyap Kempo war der Erste unserer Gesellschaft, der so viel trank, dass er umkippte. Chim Din und einige andere Männer trugen den schnarchenden Mann vom Rand der Plattform weg und ließen ihn in der Ecke schlafen.
    Es waren noch andere da – mindestens vierzig Personen mussten sich in der kleinen Pagode gedrängt haben, als die letzten Sonnenstrahlen dem Mondlicht des Orakels und drei seiner Geschwister wichen, die die Wolken unter uns beleuchteten –, aber ich vergaß ihre Namen in

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