Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
Erzählform das Präsens zu wählen.
Meine Erinnerungen an Aenea sind alle lebhaft, aber manche Erinnerungen, die diese hastig am Ende eines langen, arbeitsreichen oder abenteuerlichen Tages auf T’ien Shan hingekritzelten Einträge heraufbeschworen, waren so vital, dass ich angesichts des Verlustes weinen musste. Als ich die Worte schrieb, durchlebte ich diese Augenblicke noch einmal.
Und einige ihrer Diskussionsrunden waren im vollen Wortlaut auf dem Diskey-Tagebuch gespeichert. Sie hatte ich in meinen letzten Tagen abgespielt, nur um Aeneas leise Stimme noch einmal zu hören.
»Erzähl uns vom TechnoCore«, verlangt einer der Mönche während der Diskussionsrunde in der Nacht der Ankunft des Pax. »Bitte erzähl uns vom Core.«
Aenea zögert nur einen Augenblick und senkt den Kopf ein wenig, als müsste sie ihre Gedanken ordnen.
»Es war einmal«, beginnt sie. Sie beginnt ihre ausführlichen Erklärungen immer auf diese Weise.
»Es war einmal«, sagt Aenea, »vor mehr als tausend Standardjahren, vor der Hegira... vor dem Großen Fehler von ‘08... da waren die einzigen autonomen Intelligenzen, die wir Menschen kannten, wir Menschen. Wir dachten damals, sollte die Menschheit jemals eine andere autonome Intelligenz erschaffen, müsste sie das Ergebnis eines immensen Projekts sein... eine gewaltige Masse Silikon und uralte Verstärker, Schalter und Gleichrichtungsmechanismen namens Transistoren und Chips und Schaltkreise... mit anderen Worten, eine Maschine mit jeder Menge vernetzten Kreisen, die, wenn ihr die Wortwahl verzeihen wollt, das menschliche Gehirn in jeder Form nachäffte. Natürlich entwickelten sich KIs nicht auf diese Weise. Sie stahlen sich gewissermaßen ins Leben, als wir Menschen gerade nicht hinsahen.
Ihr müsst euch nun eine Alte Erde vorstellen, wie sie war, bevor die Menschheit Kolonien auf anderen Welten hatte. Kein Hawking-Antrieb.
Kein nennenswerter interplanetarer Flug. Unsere sämtlichen Eier befanden sich buchstäblich in einem Karton, und dieser Karton war die wunderschöne blauweiße Wasserwelt der Alten Erde.
Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung besaß diese kleine Welt eine rudimentäre Datensphäre. Die planetenweite Telekommunikation hatte sich zu einem dezentralisierten Schwarmsystem alter Computer auf Silikonbasis entwickelt, die keinerlei Organisation oder Hierarchie verlangten, die überhaupt nichts verlangten, außer einem gemeinsamen Kommunikationsprotokoll. Die Erschaffung eines kollektiven Geists mit verstreuten Gedächtnisspeichern war damals unvermeidlich.
Die frühesten Vorfahren der heutigen Core-Persönlichkeiten waren keine Projekte, um künstliche Intelligenz zu erschaffen, sondern erste Bemühungen, künstliches Leben zu simulieren. In den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts hatte der Urgroßvater des TechnoCore, ein Mathematiker namens John von Neumann, sämtliche Beweise künstlicher Selbstreplikation abgeleitet. Sobald die frühen Computer auf Silikonbasis klein genug wurden, dass Individuen damit herumspielen konnten, begannen neugierige Amateure damit, synthetische Biologie innerhalb der Grenzen der Zyklen der CPU, der zentralen Prozessoreinheiten dieser Maschinen, zu praktizieren. Hyperlife – selbstreproduzierend, informationsspeichernd, interaktiv, verarbeitend, sich entwickelnd – begann seine Existenz in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Im letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts entkam es den Gezeitenbecken der individuellen Maschinen und entwich in die embryonale planetare Datensphäre, die sie Internet oder Netz nannten.
Die frühesten KIs waren dumm wie Dreck. Vielleicht wäre eine bessere Metapher allerdings, dass sie so dumm waren wie die frühen Einzeller, die sich in diesem Dreck tummelten. Einige der frühesten Hyperkeime, die im warmen Medium der Datensphäre schwebten – deren Evolution ebenfalls voranschritt –, waren 80-Byte-Organismen, die in einen Speicherblock RAM in einem virtuellen Computer eingesetzt wurden – einem Computer, der von einem Computer simuliert wurde. Einer der ersten Menschen, die derartige Kreaturen in den Ozean der Datensphäre entließen, hieß Tom Ray, und er war kein KI-Experte oder Computerprogrammierer oder Cyberpuke, die sie damals Hacker nannten, sondern ein Biologe, ein Insektensammler, Botaniker, Vogelkundler, jemand, der Jahre damit verbracht hatte, für einen Prä-Hegira-Wissenschaftler namens E. O. Wilson Ameisen im Dschungel zu sammeln. Während er die
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