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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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eher in seinem dunklen Rot, als darin zu erstrahlen. Treppen und Geländer und Gitterwerk sind elegant und komplex. Die Shoji-Wände vieler Pagoden sind geöffnet, Gebetsflaggen und Betttücher flattern in der warmen Brise. Es gibt acht reizende Schreine in aufsteigender Folge in dem Tempel, und der Schrein einer jeden Pagode symbolisiert einen Schritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad, wie ihn der Buddha beschrieben hat: Die Schreine sind in drei Achsen aufgereiht, die die drei Abschnitte des Wegs bedeuten: Weisheit, Moral, Meditation. Auf der aufsteigenden Weisheits-Achse von Treppen und Plattformen liegen die Meditationsschreine für »Rechte Anschauung« und »Rechtes Denken«.
    Auf der Moral-Achse befinden sich »Rechtes Reden«, »Rechtes Handeln«, »Rechte Lebensführung« und »Rechtes Streben«. Diese letzten Meditationsschreine kann man nur erreichen, indem man unter Mühen eine Leiter emporklettert, keine Treppe, denn – wie mir Aenea und Kempo Ngha Wang Tashi eines Abends zu Beginn meines Aufenthalts erklärten –
    der Buddha wollte, dass dieser Weg einer der rastlosen und unerschütterlichen Hingabe sein soll.
    Die höchsten Meditationspagoden sind der Kontemplation und den beiden letzten Schritten des Edlen Achtfachen Pfades gewidmet – »Rechte Aufmerksamkeit« und »Rechte Versenkung«. Diese letzte Pagode, das war mir sofort aufgefallen, bietet nur Aussicht auf die Fläche der Felswand.
    Mir war auch aufgefallen, dass es keine Statuen von Buddha in dem Tempel gibt. Zu dem wenigen, was Grandam mir über den Buddhismus erklärt hatte, als ich sie als Kind danach fragte – da ich in einem alten Buch aus der Bibliothek von Moors Ende auf einen Hinweis gestoßen war –, gehörte unter anderem, dass die Buddhisten zu Statuen nach dem Ebenbild Buddhas beteten. Wo waren sie?, hatte ich Aenea gefragt.
    Sie hatte mir erklärt, dass das buddhistische Denken auf der Alten Erde in zwei größere Kategorien unterteilt gewesen war, Hinayana, eine ältere Schule des Denkens, deren abschätzige Bezeichnung mit der Bedeutung
    »Kleines Fahrzeug« – wie in Erlösung – ihr von den populäreren Schulen des Mahayana-Buddhismus oder selbst ernannten »Großen Fahrzeugs«
    verliehen worden war. Einst hatte es achtzehn Schulen der Hinayana-Lehre gegeben – die sich alle mit Buddha als Lehrer befassten und Exegese und Studium seiner Lehren verlangten statt seiner Verehrung –, aber zur Zeit des Großen Fehlers hatte nur eine dieser Schulen überlebt, die Theravada, und diese nur in entlegenen Regionen der von Krankheiten und Hungersnöten heimgesuchten Länder Sri Lanka und Thailand, zwei politischen Provinzen der Alten Erde. Alle anderen buddhistischen Schulen, die während der Hegira ausgelöscht worden waren, gehörten der Mahayana-Kategorie an, die sich auf die Anbetung von Statuen Buddhas, Meditation als Weg zur Erlösung, safrangelbe Gewänder und anderes Beiwerk konzentrierte, das Grandam mir beschrieben hatte.
    Aber, hatte Aenea weiter erklärt, auf T’ien Shan, der am deutlichsten vom Buddhismus beeinflussten Welt im Outback oder der alten Hegemonie, hatte der Buddhismus eine Rückentwicklung zu Rationalität, Kontemplation, Studium und gewissenhafter, unvoreingenommener Analyse von Buddhas Lehren durchgemacht. Aus diesem Grund gibt es keine Statuen von Buddha im Hsuan-k’ung Ssu.
    Am Ende des Felssimses bleiben wir stehen. Vögel kreisen und fliegen unter uns und warten, dass wir wieder gehen, damit sie in ihre Nester in der Spalte zurückkehren können.
    »Was ist los, Spatz?«
    »Der Empfang im Winterpalast in Potala findet morgen Abend statt«, sagt sie. Ihr Gesicht ist gerötet und staubig von ihrer Arbeit auf den Ge-rüsten am Vormittag. Mir fällt auf, dass sie sich einen Kratzer auf der Stirn geholt hat und ein paar winzige, scharlachrote Blutstropfen zu sehen sind.
    »Charles Chi-kyap Kempo stellt ein offizielles Empfangskomitee zusammen, das aus nicht mehr als zehn Personen bestehen soll«, fährt sie fort. »Kempo Ngha Wang Tashi wird natürlich dabei sein, ebenso Oberaufseher Tsipon Shakabpa, Gyalo, der Cousin des Dalai Lama, sein Bruder Labsang, Lhomo Dondrub, weil der Dalai Lama von seinen Heldentaten gehört hat und ihn gern kennen lernen möchte, Tromo Trochi aus Dhomu als Handelsvertreter und einer der Vorarbeiter, der die Arbeiter repräsentieren soll – entweder George oder Jigme...«
    »Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer ohne den anderen geht«, sage ich.
    »Ich auch nicht«,

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