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Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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und ich, wir werden beide gefasst, verhört, möglicherweise gefoltert und hingerichtet werden. Die Versprechungen, die ich dem alten Dichter auf Hyperion gegeben habe, waren nichts weiter als Schall und Rauch. Den Pax zu Fall bringen, hatte ich versprochen. Den Pax mit seinen Milliarden Gläubigen, Millionen bewaffneten Männern und Frauen, Tausenden von Kriegsschiffen... Die Alte Erde zurückbringen, hatte ich versprochen. Nun, immerhin hatte ich sie besucht.
    Ich schaue zum Fenster hinaus, um den Himmel zu sehen, aber da ist nur die Felswand im Mondschein und der in langsamer Auflösung befindliche Schatten von Buddhas Namen, die drei vertikalen Striche wie Tinte auf schieferfarbenem Pergament, die drei horizontalen Striche verschwimmen und verschmelzen miteinander und bilden drei weiße Gesichter in den negativen Zwischenräumen, drei Gesichter, die mich in der Dunkelheit anstarren.
    Ich hatte versprochen, Aenea zu beschützen. Ich schwöre, dass ich sterben werde, um das zu tun.
    Ich schüttle die Kälte und die Vorahnungen ab, gehe auf die Meditationsplattform hinaus, klinke mich an ein Kabel und rausche dreißig Meter über den Abgrund zur Plattform unter der hohen Terrasse, wo Aenea und ich unsere Schlafpagoden haben. Als ich die letzte Leiter zur höchsten Ebene hinaufklettere, denke ich, dass ich jetzt vielleicht schlafen kann.
    Ich habe über das Folgende keine Notizen im Diskey-Tagebuch. Jetzt, wo ich es niederschreibe, fällt es mir wieder ein.
    Aeneas Licht war gelöscht. Das freute mich – sie blieb zu lange auf, arbeitete zu hart. Die hohen Baugerüste und Klippenkabel waren nicht der Ort für eine erschöpfte Architektin.
    Ich betrat meine eigene Hütte, zog die Shoji-Tür zu und kickte die Stiefel weg. Alles war, wie ich es verlassen hatte, die Außenwand ein klein wenig zurückgeschoben, Mondschein fiel hell auf meine Schlafmatratze, der Wind rüttelte in seiner leisen Unterhaltung mit den Bergen an den Wänden.
    Keiner meiner Lampions war angezündet, aber ich hatte das Mondlicht und meine Erinnerung an den kleinen Raum in der Dunkelheit. Der Boden bestand aus bloßen Tatami, abgesehen von meinem Futon und einer Truhe neben der Tür, in der sich mein Rucksack, ein paar Lebensmittel, ein Bierkrug, die Atemmasken, die ich aus dem Schiff mitgenommen hatte, und meine Kletterausrüstung befanden: Es gab nichts, worüber man stolpern konnte.
    Ich hängte meine Jacke an den Haken neben der Tür, spritzte mir Wasser aus der Schüssel auf der Truhe ins Gesicht und zog Hemd, Socken, Hosen und Unterwäsche aus, die ich in den Wäschebeutel in der Truhe steckte.
    Morgen war Waschtag. Seufzend ging ich zur Schlafmatratze und spürte, wie die Vorahnungen des Untergangs, die ich gehabt hatte, allmählich simpler Müdigkeit wichen. Ich habe immer nackt geschlafen, abgesehen von meiner Zeit bei der Heimatgarde und während der Reise mit meinen beiden Freunden im Schiff des Konsuls.
    Da war eine fast unmerkliche Bewegung in der Dunkelheit jenseits des hellen Streifens Mondlicht, und ich nahm erschrocken eine geduckte Kampfhaltung ein. Nackt fühlte ich mich verwundbarer als sonst. Dann wurde mir klar: A. Bettik muss früher zurückgekehrt sein. Ich entspannte die rechte Faust.
    »Raul?«, sagte Aenea. Sie beugte sich nach vorn ins Mondlicht. Sie hatte meine Decke um ihren Unterkörper gewickelt, aber Schultern, Brüste und Bauch waren nackt. Das Orakel übergoss ihre Haare und Wangenknochen mit sanftem Licht.
    Ich machte den Mund auf, um etwas zu sagen, drehte mich nach meinen Kleidungsstücken um, beschloss aber, nicht bis dorthin zu gehen, ließ mich vor der Schlafmatte auf ein Knie nieder und zog das Laken des Futons hoch, um mich zu bedecken. Ich war nicht prüde, aber dies war Aenea. Was hatte sie...
    »Raul«, sagte sie wieder, aber diesmal klang ihre Stimme nicht fragend.
    Sie rutschte auf den Knien näher zu mir. Die Decke fiel von ihr ab.
    »Aenea«, sagte ich dümmlich. »Aenea, ich... du... ich weiß nicht... du willst doch nicht wirklich...«
    Sie legte einen Finger auf meine Lippen, nahm ihn aber einen Moment später wieder weg, beugte sich zu mir, ehe ich etwas sagen konnte, und drückte die Lippen auf die Stelle, wo der Finger gewesen war. Jedes Mal, wenn ich meine junge Freundin berührt hatte, war der Kontakt elektrisierend gewesen. Ich habe es schon früher beschrieben und bin mir jedes Mal albern vorgekommen, wenn ich darüber geredet habe, aber ich habe es auf sie zurückgeführt – ihre Aura,

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