Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung

Titel: Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
Vom Netzwerk:
ihre spannungsgeladene Persönlichkeit.
    Es war echt, keine Metapher. Aber ich hatte diesen Stromstoß zwischen uns noch nie so wahrgenommen wie in diesem Augenblick.
    Einen Augenblick war ich passiv, ließ mich küssen, statt den Kuss zu erwidern. Aber dann überwanden die Wärme und Beharrlichkeit das Denken, überwanden meine sämtlichen anderen Sinne in jeder Nuance des Wortes, und ich erwiderte den Kuss, legte die Arme um Aenea und zog sie näher zu mir, während sie die Arme unter meine schob und mit ihren kräftigen Fingern über meinen Rücken strich. Für sie war es mehr als fünf Jahre her, als wir uns an dem Fluss auf der Alten Erde zum Abschied geküsst hatten, und da war ihr Kuss verlangend, elektrisierend, voller Fragen und Botschaften gewesen, aber eben der Kuss eines sechzehnjährigen Mädchens. Dieser Kuss war die warme, feuchte, offene Be-rührung einer Frau, und ich reagierte unverzüglich darauf.
    Wir küssten uns eine Ewigkeit. Meine eigene Nacktheit und Erregung waren mir vage als etwas bewusst, das mich kümmern sollte, das mir peinlich sein sollte, aber es war etwas Fernes und zweitrangig im Vergleich zur expandierenden Wärme und dem Verlangen der Küsse, die kein Ende nehmen wollten. Als sich unsere Lippen schließlich voneinander lösten, geschwollen, fast wund und bereits in Erwartung des nächsten Kusses, da küssten wir einander Wangen, Lider, Stirn, Ohren. Ich senkte den Kopf und küsste die Vertiefung ihrer Kehle, spürte ihren Puls an den Lippen und inhalierte den parfümierten Duft ihrer Haut.
    Sie rutschte auf Knien vorwärts und krümmte den Rücken leicht, so dass ihre Brüste meine Wangen berührten. Ich hielt eine in der hohlen Hand und küsste die Brustwarze fast ehrerbietig, während Aenea meinen Hinterkopf mit der Hand hielt. Ich konnte ihren Atem auf mir spüren, der schneller ging, als sie mir das Gesicht entgegenneigte.
    »Warte, warte«, sagte ich, hob den Kopf und lehnte mich zurück. »Nein, Aenea, bist du... ich meine, ich glaube nicht...«
    »Psst«, sagte sie, beugte sich über mich und küsste mich wieder, wobei sie zurückwich, sodass ihre dunklen Augen die ganze Welt auszufüllen schienen. »Psst, Raul. Ja.« Sie küsste mich erneut und neigte sich nach rechts, sodass wir beide auf die Schlafmatte sanken und uns unablässig küssten, während der zunehmende Wind an den Reispapierwänden rüttelte und die gesamte Plattform in der Innigkeit unseres Kusses und der Bewegung unserer Körper erbebte.
    Es ist ein Problem, von so etwas zu erzählen. Die privatesten und heiligsten Augenblicke anderen mitzuteilen. Es kommt mir wie ein Frevel vor, so etwas in Worte zu kleiden. Und wie eine Lüge, es nicht zu tun.
    Seine Geliebte zum ersten Mal nackt zu sehen und zu fühlen ist eine der reinsten, unvergänglichsten Offenbarungen des Lebens. Wenn es eine wahre Religion im Universum gibt, muss sie die Wahrheit dieses Kontakts enthalten oder für immer leer und hohl sein. Mit der einen wahren Person in Liebe vereinigt zu sein, die diese Liebe verdient, gehört zu den wenigen absoluten Belohnungen des menschlichen Daseins und ist ein Ausgleich für all den Schmerz und Verlust, all die Peinlichkeit, Einsamkeit, Idiotie, all die Kompromisse und Unzulänglichkeiten, die die conditio humana mit sich bringt. Sich mit dem richtigen Menschen sexuell zu vereinigen, macht viele Fehler wett.
    Vorher hatte ich noch nie mit dem richtigen Menschen Sex gehabt. Ich wusste das, noch während Aenea und ich uns küssten und beieinander lagen, noch bevor wir uns langsam, dann schneller und dann wieder langsam bewegten. Mir wurde klar, dass ich noch niemals richtig mit irgendjemandem Sex gehabt hatte – dieser Junger-Soldat-auf-Urlaub-Sex mit willigen Frauen oder der Barkenschiffer-und-Barkenschifferin-wir-haben-die-Gelegenheit-warum-also-nicht?-Sex, von denen ich geglaubt hatte, sie wären eine erschöpfende Erforschung und Auslotung des Themas, waren nicht einmal der Anfang.
    Dies war der Anfang. Ich erinnere mich, wie Aenea sich einmal auf mir aufrichtete, die Hände fest auf meine Brust presste, ihre eigene Brust schweißnass, aber sie sah mich dennoch an – sah mich so durchdringend und liebevoll an, dass es war, als wären wir durch unsere Blicke so intim verbunden wie durch unsere Schenkel und Genitalien –, und ich sollte mich jedes Mal in der Zukunft, wenn wir uns miteinander vereinigten, an diesen Augenblick erinnern, als hätte ich schon in diesen ersten Augenblicken unserer Intimität

Weitere Kostenlose Bücher