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erholten. Auf ihrem Lager im Heck zusammengerollt, schaute Zula durch einen zwölf Meter langen Tunnel nach vorn, wo Jones den Fahrersitz nach hinten gedreht und sich einen Laptop auf die Knie gestellt hatte. Dessen blauweißes Licht beleuchtete sein Gesicht und verwandelte es in eine kontrastreiche, kränkliche Maske. Für ihn gab es keinen Schlaf, jedenfalls noch nicht.
Seine Entscheidung, bei einem Walmart Halt zu machen, hätte sie vor ein Rätsel gestellt, wenn ihre Großtante und ihr Großonkel aus Yankton, South Dakota, nicht gewesen wären, eingefleischte Wohnmobilurlauber, die beim Familientreffen unentwegt Dias zeigten und Geschichten von ihren Fahrten erzählten, und von ihnen wusste sie, dass es Geschäftspolitik von Walmart war, sich speziell auf die Bedürfnisse solcher Leute einzustellen; das ging sogar so weit, dass die Supermarktkette ihre eigene, umgemodelte Version vom Rand-McNally-Straßenatlas verteilte, in dem die Standorte sämtlicher Walmarts hervorgehoben waren. Es war so gut wie sicher, dass eine Ausgabe ebendieses Buches in dem Staufach neben Jones steckte, wo die verstorbenen Besitzer des Fahrzeugs gewohnheitsmäßig alles Derartige abgelegt hatten. Jones wusste das natürlich nicht. Aber wenn er eines zu sein schien, dann anpassungsfähig. Es konnte sein, dass das Ganze einem spontanen Entschluss entsprang: Er war in diese Kleinstadt mitten in British Columbia geraten, war zufällig am örtlichen Walmart vorbeigekommen, hatte bemerkt, dass die einzigen Fahrzeuge auf dem Parkplatz Wohnmobile von Leuten waren, die über Nacht blieben, und hatte beschlossen, sich den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen. Oder aber, was wahrscheinlicher war, er hatte die früheren Besitzer mit vorgehaltener Pistole oder Klinge ausgefragt, bevor er sie umgebracht hatte, hatte etwas über ihre Gewohnheiten erfahren, ihre Brieftaschen durchwühlt, ihnen mit dem falschen Versprechen, dass er ihnen nichts tun würde, ihre PIN -Nummern und Passwörter entlockt.
Der Laptop war nicht derselbe Computer, den Sharif im Jet benutzt hatte. Er war Teil der Zufallsbeute, die Jones zusammen mit dem Wohnmobil in die Hände gefallen war. Jones war offensichtlich imstande gewesen, über den Walmart eine Wi-Fi-Verbindung herzustellen, da er im Wesentlichen nur die Maus bewegte und klickte: klassisches Internet-Surfverhalten. Es gab einen Moment von schöner Komik, als er sich offenbar auf die Website irgendeines Kasinos in Vegas klickte und die Stimme von Frank Sinatra aus den Lautsprechern des Computers dröhnte und einige von den Männern halb wach rüttelte, ehe Jones den Lautstärkeregler fand und sie abwürgte.
Wieder die seltsame Fixierung auf Vegas. Jones kam also endlich zur Sache. Ausgehend von dem Gespräch, das sie in Xiamen zufällig mitgehört hatte, hatte sie eine ziemlich gute Vorstellung von seinem Plan: in einen großen Unterhaltungskomplex in Sin City gehen und dort so viele Menschen wie möglich umbringen, ganz ähnlich wie die pakistanischen Terroristen es in den Luxushotels und im Bahnhof von Mumbai gemacht hatten. Wobei der kniffelige Teil darin bestand, sich selbst, seine Waffenkameraden und sein Waffenarsenal über die Grenze in die USA zu schaffen. Nicht, dass man in den Staaten keine Waffen kaufen konnte, aber sie hatte das Ein- und Ausladen der Ausrüstung mittlerweile oft genug miterlebt, um eine grobe Vorstellung vom Inventar der Terroristen gewonnen zu haben: Sie hatten bestimmte Artikel wie etwa vollautomatische Waffen und Handgranaten bei sich, die man selbst im süßen Land der Freiheit nicht so ohne weiteres bekam.
Jones durchlief eine Phase, in der er den Laptop mehrmals hintereinander neu startete, was sie auf den Gedanken brachte, dass er neue Software heruntergeladen und installiert haben musste. Die naheliegende Vermutung war, dass er das Gerät so ausstattete, dass er heimlich mit seinen Dschihadistenkollegen kommunizieren konnte.
Der immanent schlaffördernde Charakter des Installierens von Software tat seine Wirkung, und sie schloss die Augen, und als sie sie wieder aufschlug, stellte sie fest, dass es Tag war.
Jones war auf dem Platz, auf dem er saß, eingeschlafen, und Abdul-Wahaab hatte den Laptop in Beschlag genommen. Ershut war wach und kochte auf dem Herd irgendetwas Dampfendes; ihre Nase sagte ihr, dass es Reis war. Gleich darauf servierte man ihr etwas davon in einer Plastikschale, die mit pastellfarbenen Blumen verziert war. Sie fragte sich, ob die Typen begriffen, dass
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