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Vermisstenfälle her. In gewisser Weise war es wie eine Wiederholung von Patricias Tod durch Blitzschlag: zu bizarr, um reibungslos die gewohnten Wege von Trauer und Beileid zu passieren.
Beim Frühstück ging es besser: Die drei unterhielten sich über Zula, erzählten liebevoll Geschichten von ihr, wie man sie von Verstorbenen erzählt. Dad hörte zu, nickte und lächelte an den richtigen Stellen. Richard umarmte alle, stieg in den Grand Marquis, fuhr zum FBO und war vier Stunden später wieder in Seattle. Das war Freitag. Am Wochenende blieb er zu Hause, war die meiste Zeit online, schwebte in einem Bildschirmfenster über dem Torgai, während er in anderen Echtzeitstatistiken aus T’Rain-Datenbanken überflog. Die Einzelheiten interessierten ihn nicht. Er bezweifelte, dass irgendetwas davon überhaupt helfen würde. Aber er hatte Anfang der Woche den Entschluss gefasst, dass es ihnen durchaus helfen könnte, mehr Informationen zu gewinnen, wenn es im Torgai weiterhin chaotisch zuging und es nicht unter die Herrschaft irgendeines speziellen Lehnsherrn fiel. Seine Abstecher nach Cambridge und nach Nodaway hatten ausschließlich dazu gedient, den erforderlichen Grad von Chaos zu gewährleisten, und das schien funktioniert zu haben. Don Donald verfügte nach langsamem Start inzwischen über ein fünfstufiges Netz von Zehntausenden geschmackvoll ausgestatteter Vasallen und war offenbar so vernünftig gewesen, militärische Entscheidungen an Spieler zu delegieren, die so etwas schon mal gemacht hatten. Unterdessen hatte Skeletor seinen mächtigsten Charakter, den er mehrere Monate lang nicht gespielt hatte, aus der Versenkung geholt und einen ziemlich eindrucksvollen Versuch unternommen, mitten in die Burg vorzudringen, in die sich D-Quadrats Charakter verkrochen hatte, und diesen zu ermorden. Er war in letzter Minute entdeckt und so schnell umgebracht worden, dass er keine Zeit mehr gehabt hatte, sein gesamtes virtuelles Eigentum zu sequestrieren. Der ganze Kram war der Erdton-Koalition in die Hände gefallen (die nichts damit anfangen konnte, weil er so kitschig-bunt war), und Skeletors Charakter war nackt, verarmt und erheblich in seiner Macht geschwächt aus dem Limbus auferstanden. Was wahrscheinlich ohnehin besser war, da Devin andere Charaktere hatte, die besser geeignet waren, die Rolle des Kriegerkönigs zu spielen: weniger mächtig, aber mit tieferen und besser entwickelten Vasallennetzen.
Solche Beschäftigungen hatten dafür gesorgt, dass Richard übers Wochenende nicht viel über Zula nachgedacht hatte. Das galt auch für den größten Teil des Montags, der mit langen, haarigen, schlecht geleiteten Besprechungen darüber angefüllt war, wie sich die Firma zur neuesten Wendung im Koak verhalten sollte. Richard war spät nach Hause gekommen, hatte sich mit thailändischem Essen zum Mitnehmen aufs Sofa geknallt und versucht, sich einen Film anzusehen, war dabei aber immer wieder zum Bildschirm seines Laptops abgedriftet. Das gehörte zur Strategie von Corporation 9592; man hatte Psychologen angeheuert und Millionen in ein Projekt zur Sabotage von Filmen – ja, des gesamten Mediums Kino – investiert, um die Kunden/Spieler/Süchtigen in einen Gemütszustand zu versetzen, in dem sie sich schlicht nicht mehr auf einen zweistündigen Brocken gefilmter Unterhaltung konzentrieren konnten, ohne dass in ihrer Medulla eine Alarmglocke schrillte, die ihnen sagte, dass sie sich in T’Rain einloggen mussten, um festzustellen, was sie gerade verpassten.
Während eines solchen Ausflugs – der Film stand auf Pause, in einem Fenster auf dem Laptopbildschirm wütete eine Feuersbrunst im Torgai – stellte er fest, dass er eine neue E-Mail bekommen hatte, die zunächst als Spam gekennzeichnet worden war. Betreff: Irgendwelche chinesischen Schriftzeichen. Er löschte sie, ohne genauer hinzusehen. Aber irgendetwas daran nagte an ihm. Er konnte kein Chinesisch lesen. Aber er hatte in den vergangenen Tagen versucht, Einiges über die Stadt Xiamen in Erfahrung zu bringen, und dabei Zufallskram aus dem Internet aufgesaugt. Einige der Seiten, die er gefunden hatte, waren auf Englisch, andere auf Chinesisch, viele in einem Flickwerk aus beiden Sprachen verfasst. Aber er hatte sich daran gewöhnt, ein bestimmtes chinesisches Schriftzeichen zu sehen, das wegen seiner Schlichtheit hervorstach: ein einfaches Quadrat mit offener Unterseite und einem kleinen Häkchen links oben. Es war das mittlere der drei Schriftzeichen, die das
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